Monoklonale Antikörper (mAbs) sind ein wichtiges Gebiet für die Entwicklung innovativer Therapien von Krankheiten. In vielen Indikationen bieten monoklonale Antikörper erstmalige oder bessere Behandlungsoptionen für Patienten mit Krebs- oder Autoimmunerkrankungen; und auch für einige seltene Krankheiten sind mAbs bereits entwickelt worden oder befinden sich in verschiedenen Stadien der klinischen Forschung. Auch Patienten mit Asthma, feuchter altersabhängiger Makuladegeneration oder Osteoporose kann bereits heute bzw. voraussichtlich in absehbarer Zukunft durch mAbs geholfen werden. In Deutschland sind insgesamt 19 mAbs zur Therapie oder Prävention gegen verschiedenste Zielstrukturen zugelassen, und viele weitere werden in klinischen Studien getestet.

©~vfa, Martin Joppen

Der deutsche Arzt Emil von Behring entdeckte schon 1891, dass man Diphtheriekranken mit einem aus dem Blutserum von Schafen gewonnenen Präparat das Leben retten kann. Für diese Entdeckung wurde von Behring 1901 mit dem ersten Medizin-Nobelpreis der Geschichte geehrt. Heute weiß man, dass dieses Präparat Antikörper gegen das Diphtherie-Toxin enthielt. Die weitere Arbeit vieler Forscher vergrößerte das Wissen über Wirkungsweise und Entstehung der Antikörper, die im Verlauf der Zeit auch medizinisch in Antiseren gegen verschiedene Erreger vielfach genutzt wurden. Dafür mussten sie allerdings aus menschlichen oder tierischen Blutseren gewonnen werden und waren stets nur als Gemische (sogenannte polyklonale Antikörper) verfügbar, weil sie von vielen verschiedenen Zellen (B-Lymphozyten) erzeugt wurden.

In den 1970er-Jahren entwickelten der deutsche Biologe Georges Köhler und der argentinische Chemiker César Milstein die Hybridomtechnologie (Verschmelzung von B-Lymphozyten und Myelomzellen), mit der man monoklonale Antikörper herstellen kann – also Antikörper eines einzigen Zellklons mit einheitlicher Molekülstruktur und Spezifität. Hierfür wurden sie 1984 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Vom Zeitpunkt dieser Entdeckung vergingen weitere 22 Jahre mit intensiven Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten auf diesem Gebiet, bis mit der Zulassung eines mAbs gegen eine vergleichsweise häufige Krebsart – Non-Hodgkin-Lymphom – der medizinische und wirtschaftliche Durchbruch gelang.

Antikörper sind eine der mächtigsten Waffen, die der Körper gegen Krankheitserreger einsetzen kann. Sie sind sehr komplexe Moleküle mit mehreren funktionalen Bereichen. Antikörper des Typs IgG (der häufigste Typ, von dem auch alle therapeutischen Antikörper abgeleitet sind) ähneln vereinfacht dargestellt dem Buchstaben „Y“. Die zwei „Armspitzen“ des „Y“ sind bei jedem Antikörper untereinander identisch. Sie sind imstande, komplementär gebaute Molekularstrukturen zu binden. Die Struktur, an die ein Antikörper binden kann, bezeichnet man auch als dessen Antigen. Ein Antikörper bindet spezifisch sein Antigen und damit beispielsweise „seinen“ Krankheitserreger - vergleichbar mit einem Schlüssel, der nur in das für ihn bestimmte Schloss passt.

mAbs sind das Ergebnis jahrelanger intensiver Forschung und fungieren in vielerlei Hinsicht als Motor medizinischer Innovationen, für die es eine ganze Reihe von Ansatzpunkten gibt:
  • Sie können sich an Boten- oder Entzündungsstoffe binden und deren Wirkung dadurch neutralisieren.
  • Sie können an Strukturen (z.B. Rezeptoren) auf Zelloberflächen binden, diese dadurch blockieren und so das Auswandern von Entzündungszellen aus dem Blut ins Gewebe verhindern.
  • Sie können an Strukturen binden, die anschließend den Zelltod (Apoptose) auslösen.
  • Sie können an Infektionserreger binden und diese damit für das Immunsystem markieren, sodass die Erreger infolgedessen vom Immunsystem zerstört werden.


Monoklonale Antikörper besitzen innerhalb der Biopharmazeutika eine herausragende Bedeutung, da mit ihnen bei vielen Krankheiten wie Krebs, die vorher gar nicht oder kaum zu behandeln waren, therapeutisches Neuland betreten wurde. Ihre hohe Spezifität ermöglicht eine große Zielgenauigkeit des Eingriffs in pathologische Prozesse. Dies ist auch der Grund, warum bei einigen monoklonalen Antikörpern ein Test vorgeschaltet wird, um zu ermitteln, ob der Patient auf diese Therapie ansprechen könnte oder aber ein anderes Medikament gewählt werden sollte. Ein monoklonaler Antikörper kann zudem mitunter auch Patienten mit verschiedenen Krankheiten helfen, wenn diese nämlich auf eine ähnliche molekulare Ursache zurückzuführen sind. Dies ist beispielsweise bei einigen monoklonalen Antikörpern der Fall, die nicht nur gegen rheumatoide Arthritis, sondern auch gegen Psoriasis und Morbus Crohn eingesetzt werden können. Nun gilt es, alles daranzusetzen, das innovative Potenzial der monoklonalen Antikörper im Hinblick auf den Nutzen für die Patienten bestmöglich umzusetzen.

Stand: 15. Oktober 2009