Für die Entwicklung einer Gentherapie zur Behandlung der seltenen Immunkrankheit Wiskott-Aldrich-Syndrom wurden die Kinderärzte PD Dr. med. Kaan Boztug (Wien, zuvor Hannover) und Prof. Dr. med. Christoph Klein (München, zuvor Hannover) am 2. Mai 2011 mit dem Paul-Martini-Preis geehrt.

Kinderarzt PD Dr. med. Kaan Boztug
So alt wie die Gentechnik ist die Hoffnung, Erbkrankheiten gentherapeutisch zu heilen. Das gilt insbesondere für Erbkrankheiten des blutbildenden Systems, weil sich hier gentechnisch „korrigierte“ Stammzellen leichter einschleusen lassen als in Gewebe mit festem Zellverband. Dennoch sahen sich Forscher bei früheren Versuchen immer wieder mit großen Schwierigkeiten einschließlich problematischer Nebenwirkungen konfrontiert, so dass bisher noch keine einzige Gentherapie außerhalb von Studien zugelassen wurde. Nun ist es den Preisträgern jedoch gelungen, eine wirksame Gentherapie für eine solche Krankheit, das Wiskott-Aldrich-Syndrom, zu etablieren.

Das seltene Wiskott-Aldrich-Syndrom ist eine schwere Störung des Immunsystems, verursacht durch ein defektes Gen auf dem X-Chromosom. Die Patienten – fast immer Jungen – leiden an Infektionen, Hautkrankheiten, Blutgerinnungsstörungen, Gelenkentzündungen und weiteren Autoimmunreaktionen, und sie sterben oft schon nach wenigen Lebensjahren. Der Grund ist das Unvermögen zur normalen Bildung des Wiskott-Aldrich-Proteins. Die bisherige Behandlung durch Transplantation von Blut-Stammzellen fremder Spender birgt beträchtliche Risiken, wenn kein Stammzellspender mit bester Gewebsübereinstimmung mit dem Patienten gefunden werden kann.

Kinderarzt Prof. Dr. med. Christoph Klein
Im Rahmen der prämierten Arbeit(1) wurde nach langjährigen präklinischen Studien das erste klinische Studienprotokoll zur Gentherapie dieses Syndroms entwickelt und angewendet: Zwei Jungen wurden Knochenmark-Stammzellen entnommen und im Labor mit funktionstüchtigen Genen für das Wiskott-Aldrich-Protein ausgestattet. Die so modifizierten Stammzellen wurden den Jungen anschließend wieder übertragen und führten bei ihnen zur weitgehenden Normalisierung wichtiger Komponenten des Immunsystems und einer deutlichen Verbesserung des klinischen Bildes, die über zweieinhalb Jahre dokumentiert werden konnte. Ihre Autoimmunreaktionen hörten auf, sie litten nicht länger an Blutungen und Infektionen traten seltener auf.

Seither wurden mit der gleichen Methode noch acht weitere Patienten behandelt. Bei sieben von diesen wurde eine andauernde Besserung der klinischen Symptome beobachtet; bei einem Patienten reichte die Zahl der übertragenen Zellen nicht aus. Ein Patient entwickelte eine Leukämie, die aber erfolgreich behandelt werden konnte.

Die klinische Studie konnte dank finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die internationale Care-for-Rare Foundation – Stiftung für Kinder mit seltenen Erkrankungen durchgeführt werden. Die Arbeiten waren Ende Februar 2011 mit dem „Eva Luise Köhler Forschungspreis für Seltene Erkrankungen“ ausgezeichnet worden.

Die biopharmazeutische Forschung ist die Basis für diese bahnbrechenden Erkenntnisse und hat die Grundlage für die Behandlung von Patienten mit dem seltenen Wiskott-Aldrich-Syndrom geschaffen. Der prämierte Ansatz geht jedoch in seiner Bedeutung und seiner Perspektive weit über die Problematik dieser speziellen Krankheit hinaus, da er auch auf die Behandlung anderer Krankheiten anwendbar ist.


Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung, Berlin, fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der vfa, Berlin, mit seinen derzeit 43 Mitgliedsunternehmen. Die Stiftung ist benannt nach dem herausragenden Bonner Wissenschaftler und Arzt Professor Paul Martini (1889 - 1964), in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die Förderung und Weiterentwicklung der klinisch-therapeutischen Forschung, die er mit seiner 1932 veröffentlichten „Methodenlehre der therapeutischen Untersuchung“ über Jahrzehnte wesentlich geprägt hat.

Die Verleihung des Paul-Martini-Preises 2011 fand im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden statt. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird jährlich von der Paul-Martini-Stiftung für herausragende Leistungen in der klinisch-therapeutischen Arzneimittelforschung verliehen.



Literaturtipp:
(1) Boztug et al., Stem-Cell Gene Therapy for the Wiskott-Aldrich Syndrome, New England Journal of Medicine, 2010, Volume 363, pp 1918-1927