Im Juli 2016 hat in Durban, Südafrika, die diesjährige Welt-AIDS-Konferenz stattgefunden. Dabei diskutierten mehr als 18.000 Forscher aus der ganzen Welt und allen Bereichen der AIDS-Forschung über die Krankheit und ihren Erreger, das HI-Virus. Seit Beginn der AIDS-Epidemie im Jahr 1981 sind 35 Millionen Menschen an AIDS gestorben und 78 Millionen mit HIV infiziert worden. Seit dem Höchststand 1997 konnte die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen um 40 Prozent auf 1,9 Millionen gesenkt werden. Allerdings wurde in den letzten fünf Jahren kein weiterer Rückgang mehr erreicht; in einigen Regionen nimmt die Zahl der Neuinfektionen sogar wieder zu. Daher ist das im Vorfeld der Konferenz von den Vereinten Nationen (UN) ausgegebene Ziel, bis zum Jahr 2030 die AIDS-Epidemie beenden zu wollen, sehr ambitioniert(1) (2) .

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Im Februar 2016 meldeten Forscher aus Potsdam, dass es ihnen gelungen sei, das Genom der Alge Chlamydomonas reinhardtii dahingehend zu modifizieren, Proteine herzustellen, die als AIDS-Impfstoff fungieren könnten(3) . Dies ist insofern von großer Bedeutung, als sich die Proteinherstellung in dieser Algenart bisher als äußerst schwierig erwies. Die Vorteile von C. reinhardtii sind, dass der Organismus sich sehr einfach kultivieren lässt, schnell viel Biomasse erzeugt, und sein komplettes Genom (sowohl das nukleäre, als auch das plastidäre und mitochondriale) bekannt ist. All diese Faktoren könnten C. reinhardtii eigentlich zu einem guten Arzneimittel- oder Impfstoff-Produzenten machen. Der Durchbruch der Potsdamer Forscher bei der Herstellung eines AIDS-Impfstoffes in C. reinhardtii könnte zudem helfen, das langfristige Ziel der UN umzusetzen. Bei dem hergestellten Protein handelt es sich um p24, das Hüllprotein des HI-Virus. Ob das in der Alge hergestellte Antigen letztendlich ausreichend immunogen ist, muss noch in weiteren Studien untersucht werden.

Weitere neue Studienergebnisse liegen zu einem lokal anzuwendenden Arzneimittel vor, das bei Frauen Infektionen durch HIV vorbeugen soll. Dabei handelt es sich um einen Ring, der von der Anwenderin in die Vagina eingeführt wird. Anschließend sondert der Ring einen antiretroviralen Wirkstoff ab, der seine Wirksamkeit somit direkt dort entfaltet, wo die HI-Viren in den Körper eindringen. Nach 28 Tagen muss der Vaginalring ausgewechselt werden. Bereits im Februar 2016 waren auf einer Konferenz in Boston die Ergebnisse einer Studie vorgestellt worden. Dabei wurde bei gut 2.600 anfangs HIV-negativen Frauen (im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, aus mehreren afrikanischen Ländern), die einem hohen Risiko einer potenziellen HIV-Infektion ausgesetzt sind, die Infektionsrate durch den Vaginalring im Vergleich zu Placebo um 27 Prozent gesenkt(4) .

Auf der Welt-AIDS-Konferenz in Durban wurden nun weitere Studienergebnisse zu diesem Vaginalring präsentiert. Danach ist bei Frauen, die den Ring vorschriftsmäßig eingesetzt haben, die Infektionsrate um bis zu 75 Prozent zurückgegangen. Problematisch war allerdings, dass vor allem junge Frauen den Vaginalring nicht regelmäßig benutzten(5) .

Ein oral anwendbares Medikament, das der Vorbeugung einer HIV-Infektion dient, ist in den USA bereits seit 2012 zugelassen und hat im Juli 2016 die Zulassungsempfehlung für die EU erhalten. Es hemmt ein Enzym, das dem HI-Virus unter anderem zur Replikation seines Erbguts dient. Einige Kritiker befürchten jedoch, dass es – wie beim oben erwähnten Vaginalring auch – zu einer Vernachlässigung der allgemein gebotenen Vorsichtsmaßnahmen kommen könnte, denn der wirksamste Schutz gegen AIDS sind nach wie vor Kondome.

Eine HIV-Infektion, die zu AIDS führt, ist heute zwar dank der Kombinationstherapien in Ländern mit gut entwickeltem Gesundheitssystem kein Todesurteil mehr. Allerdings sind die Medikamente lebenslang einzunehmen, und es können Resistenzen auftreten. Hinzu kommen Versorgungsprobleme in Schwellen- und Entwicklungsländern. Zur Eindämmung und letztlich zur Eliminierung von HIV wäre nach wie vor ein Impfstoff das wirksamste Mittel. Trotz vieler Fehlschläge in den letzten 20 Jahren arbeiten nach wie vor mehrere Firmen – meist in Partnerschaft mit öffentlichen Einrichtungen – an HIV-Impfstoffen; derzeit sind acht in der klinischen Entwicklung(6) . Zwar dürfte es bis zur Beendigung der HIV/AIDS-Epidemie noch ein weiter Weg sein, jedoch sind auch dank moderner molekularbiologischer und biotechnologischer Methoden einige vielversprechende Ansätze in der Erforschung und klinischen Entwicklung.


Literaturtipps:
(1) http://www.aids2016.org/
(2) http://www.unaids.org/sites/default/files/media_asset/2016-political-declaration-HIV-AIDS_en.pdf
(3) http://www.pflanzenforschung.de/de/journal/journalbeitrage/aids-impfstoff-aus-algen-chlamydomonas-reinhardtii-auf-10577
(4) http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/65824
(5) http://www.spektrum.de/alias/bilder-der-woche/ueberlebensring/1417075?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=news&utm_campaign=ZON_KOOP
(6) https://www.vfa-bio.de/vb-de/aktuelle-themen/branche/nutzen-von-impfstoffen-fuer-menschen-und-gesellschaft.html