Der Begriff Personalisierte Medizin ist nicht neu. Die Personalisierte Medizin entspricht der Stratifizierten Medizin (teilweise auch als „Individualisierte Medizin“ oder „Präzisionsmedizin“ bezeichnet) und umfasst ein definiertes Tandem aus einem bestimmten Medikament (Therapeutikum) und einem oder mehreren zugehörigen diagnostischen Tests(1) .

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Dieses Tandem bietet Vorteile bei der Behandlung. Durch Einsatz der molekularen Diagnostik vor der Verordnung lässt sich abschätzen, ob das Medikament dem Patienten voraussichtlich helfen kann oder ihm keine problematischen Nebenwirkungen bereiten wird. Therapieabbrüche oder unwirksame Therapieversuche können dadurch vermieden werden. Außerdem kann so mitunter auch die individuelle Dosierung des Arzneimittels für den Patienten verbessert werden. Ermöglicht wird diese spezialisierte Behandlungsform über diverse diagnostische Tests, die auf sogenannten Biomarkern basieren. Der Begriff Biomarker bezeichnet verschiedene genetische, molekulare oder zelluläre Merkmale, die im Vorfeld einer Verordnungsentscheidung untersucht werden.

Forscher der Universität Würzburg haben kürzlich einen Biomarker bei der Multiplen Sklerose (MS) erforscht und beschrieben, der sich womöglich auch für ein diagnostisches Verfahren im Rahmen der Personalisierten Medizin eignen könnte(2) . Der Test soll bei der Entscheidung helfen, ob bei dem jeweiligen MS-Patienten ein Interferon beta geeignet ist. Der Test ist vergleichsweise simpel: Eine Blutprobe des Patienten reicht aus. Dabei werden die Zellen dieser Probe dazu angeregt, Antikörper zu produzieren. Anschließend wird ermittelt, ob die Antikörper sich gegen das eigene zentrale Nervensystem richten. Trifft dies nicht zu, kann eine Behandlung mit Interferon beta begonnen werden. Wird hingegen festgestellt, dass die Antikörper körpereigene Nervenzellen angreifen, wird eine andere Therapie gewählt.

Neben diesem bei Multipler Sklerose in Entwicklung befindlichem Test gibt es bereits eine Reihe von Medikamenten, bei denen Tests schon heute Pflicht bei der Therapieentscheidung für bestimmte Erkrankungen sind. So wurde beispielsweise im Mai 2015 ein Arzneimittel zur Behandlung von Lungenkrebs zugelassen, bei dem ein Test auf die anaplastische-Lymphomkinase als Pflichttest eingestuft wurde.

Ein weiteres Beispiel: Patienten, die an Morbus Gaucher erkrankt sind, werden auf ihren Metabolisierungstyp getestet, um die Dosierung eines bestimmten Arzneimittels entsprechend zu gestalten. Dieser Test ist seit Januar 2015 ebenfalls verpflichtend.

Insgesamt gibt es bisher personalisierte Medikamente mit 47 Wirkstoffen; für 39 dieser Wirkstoffe ist ein diagnostischer Vortest vorgeschrieben, für weitere 8 Wirkstoffe wird ein solcher Test empfohlen(3) . Personalisierte Medizin ist also schon länger keine Zukunftsmusik mehr, sondern findet bereits verbreitet konkrete Anwendung in verschiedenen Krankheitsgebieten. Der Schwerpunkt der personalisierten Arzneimittel liegt momentan im Bereich Onkologie. Andere Anwendungsgebiete spielen (noch) eine eher untergeordnete Rolle. Doch dies wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren ändern.

Die biomedizinische Forschung leistet einen wichtigen Beitrag zur Etablierung der Personalisierten Medizin. Denn durch die kontinuierliche Entdeckung und Entwicklung neuer Biomarker kann erreicht werden, dass die Personalisierte Medizin in immer mehr Krankheitsgebieten möglich wird.


Literaturtipps:
(1) http://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/personalisierte-medizin/personalisierte-medizin-arztbesuch.html
(2) Kuerten et al., The brain antigen-specific B cell response correlates with glatiramer acetate responsiveness in relapsing-remitting multiple sclerosis patients, Sci Rep. 2015 Sep 21;5:14265, DOI: 10.1038/srep14265
(3) www.vfa.de/personalisiert