Ein internationales Konsortium unter Koordination von israelischen Wissenschaftlern der University of Haifa und unter Beteiligung deutscher Molekulargenetiker der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat kürzlich das Genom des Blindmulls entziffert und erste Auswertungen veröffentlicht.(1)

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Was ist überhaupt ein Blindmull? Der Blindmull (Spalax galili) gehört zu den Nagetieren und kommt vor allem in Südosteuropa und Vorderasien vor. Und was ist so besonders am Blindmull? Im Vergleich zu seinen engen Verwandten Maus und Ratte, die maximal drei Jahre alt werden, erreichen Blindmulle quasi ein Greisenalter von mehr als 20 Jahren. Die Tiere haben sich an die besonderen Bedingungen unter Tage gewöhnt. So kommen sie beispielsweise mit weniger als einem Drittel des normalerweise verfügbaren Sauerstoffs aus, ohne dass empfindliche Organe wie das Gehirn Schaden nehmen. Hiesige Maulwürfe, Ratten oder gar Menschen würden dies nicht überleben. Blindmulle haben sich im Umkehrschluss besonders gut an den höheren Kohlendioxidgehalt angepasst, dem sie unter der Erde ausgesetzt sind.

Außerdem bekommen Blindmulle keinen Krebs – selbst dann nicht, wenn man sie im Labor krebsauslösenden Substanzen aussetzt. Diese einzigartigen Charakteristika machen das Tier hoch interessant für die biomedizinische Forschung, um neue molekulare Ansatzpunkte im Kampf gegen Krebs oder im Umgang mit Sauerstoffmangel bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten zu identifizieren.

Die ersten Auswertungen des Blindmullgenoms haben Veränderungen in bestimmten Genen des Blutfarbstoffs gezeigt, die möglicherweise die Anpassung an akuten Sauerstoffmangel erklären könnten. Gegen den Säureschmerz, der normalerweise durch einen erhöhten Kohlendioxidgehalt im Blut ausgelöst wird, hat das Tier eine spezielle Mutation in dem Gen für einen Schmerzrezeptor entwickelt.

Außerdem wurde eine auffällige Mutation in dem relevanten Schaltergen p53 gefunden, worüber der Blindmull den programmierten Zelltod – die Apoptose – reduziert. Es ist denkbar, dass somit der typischerweise mit Sauerstoffmangel einhergehende Zellverlust reduziert werden kann. Allerdings ist Apoptose auch ein ganz wichtiger Prozess bei der körpereigenen Bekämpfung von Krebs. Hier scheint der Blindmull andere Wege besonders stark zu aktivieren, über die defekte Zellen und Krebszellen beseitigt werden.

Weitere molekularbiologische Forschungsaktivitäten sind nun erforderlich, um die Relevanz der einzelnen molekularen Ansatzpunkte und deren etwaige Übertragung auf Menschen zu ermöglichen. Die Mainzer Forscher wollen nun noch die Gene des Blindmulls mit denen des afrikanischen Nacktmulls vergleichen. Beide Mulle zeichnen sich durch sehr ähnliche Charakteristika aus, haben aber vermutlich ihre ganz speziellen Überlebensfähigkeiten aufgrund der geografischen Entfernungen unabhängig voneinander entwickelt. Aus dem direkten Vergleich versprechen sich die Wissenschaftler valide Erkenntnisse über diejenigen Prozesse, die möglicherweise auch für künftige medizinische Anwendungen am Menschen nützlich sein könnten.


Literatur:
(1) Fang et al., Genome-wide adaptive complexes to underground stresses in blind mole rats Spalax, Nature Communications, 2014, Vol. 5, 3966