Die Natur hält auch im 21. Jahrhundert noch Neuentdeckungen für die Wissenschaftler bereit. So haben französische Forscher im Wasser industrieller Kühlanlagen vor kurzem ein neues Virus aus der Gruppe der sogenannten Mimiviren gefunden. Darüber hinaus haben sie zudem ein weiteres neues Virus identifiziert, das im Gegensatz zu den riesigen Mimiviren eine extrem kleine Virusart repräsentiert und bis dato unbekannt war. Dieses neue kleine Virus wurde ausschließlich in enger Nachbarschaft zu den Riesenviren gefunden; daher tauften es die Forscher „Sputnik“ – aus dem Russischen für Gefährte oder Begleiter - und das Riesenvirus „Mamavirus“.

In Anlehnung an Bakteriophagen (hier: T2 mit DNS-Strang in einer Vergrößerung von 4500:1; © picture-alliance) wurde für Sputnik die neue Kategorie „Virophagen“ geschaffen.
Sputnik ist bei seiner Vermehrung von dem Replikationszyklus des Mimivirus abhängig. In Analogie zu den bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannten Bakteriophagen – das sind Viren, die ausschließlich bestimmte Bakterien angreifen – haben die französischen Forscher für Sputnik die neue Kategorie „Virophagen“ geschaffen.

Das Mimivirus ist das bisher größte bekannte Virus und bringt es mit einem Durchmesser von 400 Nanometern auf die Größe eines kleinen Bakteriums. Auch beinhaltet es deutlich mehr Gene als die meisten Bakterien. Die Mimiviren befallen Amöben und heißen demzufolge auch Acanthamoeba polyphaga Mimivirus (APMV). Wegen seiner Größe und auch aufgrund einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit mit bestimmten kugelförmigen Bakterien hatte man diesen Organismus anfänglich auch für ein neues Bakterium gehalten. Als sich dann später herausstellte, dass es sich nicht um ein Bakterium, sondern vielmehr um ein neuartiges Virus handelt, nannte man es „Mimicking Virus“ (täuschendes Virus) und schließlich in der Kurzform Mimivirus.

Der kleine Sputnik pflanzt sich nicht direkt im Mimivirus fort, sondern benutzt den durch das Mimivirus umgestalteten Proteinsyntheseapparat der Amöbe Acanthamoeba castellanii. Sputnik ist somit das erste bekannte parasitäre Virus, dessen Wirt weder Pflanze noch Tier, Pilz oder Bakterium ist, sondern eben ein anderes Virus. Die Folge des Befalls durch Sputnik für die Mimiviren ist, dass diese bei ihrer Vermehrung atypisch geformte bis hin zu defekten Viren produzieren: Viren können also offensichtlich auch andere Viren krank machen.

Sputnik weist neben seiner Eigenschaft als Virophage noch weitere Besonderheiten auf. Sein Erbgut umfasst lediglich 21 Gene, von denen acht entsprechenden Genen aus bestimmten Bakterien und Viren inklusive des Mamavirus selbst gleichen. Demnach ist Sputnik offensichtlich in der Lage, Gene oder auch Genfragmente mit dem Mamavirus, aber auch mit anderen Bakterien und Viren auszutauschen. Sputnik und vermutlich weitere, bisher noch nicht entdeckte Virophagen fungieren damit quasi als Erbgutfähren und könnten die Genvermischung innerhalb der viralen Welt ermöglichen.

Neben der noch näher zu identifizierenden Rolle der Virophagen im Ökosystem Meer und anderen Gewässern sind Virophagen vermutlich ebenso in anderen Lebensräumen von Bedeutung. Möglicherweise gibt es auch Virophagen für solche Viren, die Krankheiten beim Menschen auslösen. In diesem Fall könnte man die krankmachenden Viren theoretisch mit Virophagen bekämpfen. In der Praxis könnten sie jedoch eher mittels molekularbiologischer Detailanalysen den Grundstein für mögliche neue Wirkprinzipien gegen virale Infektionen legen.


Literaturtipps:
- Lehnen-Beyel, Wenn Viren Schnupfen kriegen, Bild der Wissenschaft, 2008, Band 12, S. 32–34
- La Scola et al., The virophage as a unique parasite of the giant mimivirus, Nature, 2008, Volume 455, pp. 100–104
- Ogata and Claverie, How to infect a mimivirus, Science, 2008, Volume 321, pp. 1305-1306