Bisher muss jedes Jahr ein neuer Grippeimpfstoff entwickelt werden, da sich die Hüllproteine der Grippeviren schnell verändern. Nun haben zwei US-amerikanische Forschergruppen unabhängig voneinander einen Antikörper hergestellt, der eine bestimmte, sich kaum ändernde Region auf der Hülle einer Vielzahl von Grippeviren (Influenza-A-Viren) erkennt. Dazu zählen auch die Erreger der Vogelgrippe sowie die der sogenannten Spanischen Grippe, der in den Jahren 1918 bis 1920 schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ob auch die Erreger der Neuen Grippe (Schweinegrippe) von diesem neuartigen Antikörper erkannt werden, ist noch offen.

Influenza-Virus in der schematischen Darstellung (© Roche)
Grundlage für diese neuen Forschungsergebnisse ist ein sehr aufwendiger molekularer Vergleich vieler verschiedener Grippeviren. Dabei kristallisierte sich ein bestimmter Bereich in der Hülle zahlreicher Virusarten heraus, der nur sehr selten von einer Mutation betroffen zu sein scheint. Diese genetische Stabilität ermöglicht es, einen Antikörper zu generieren, der an verschiedenste Virustypen binden kann – vorausgesetzt, sie weisen den stabilen Bereich in ihrer Hülle auf.

Beide Forschergruppen haben eine bestimmte Sequenz an der Basis des sogenannten Hämagglutinin-Moleküls als stabile Region identifiziert. Das Hämagglutinin-Molekül ist auf der Oberfläche aller Grippe-Erreger verankert und ermöglicht es den Viren, über die Schleimhäute in die Zellen des infizierten Menschen einzudringen. Die künstlich hergestellten Antikörper, die diese Region ganz spezifisch erkennen, verhindern über ihre Bindung dieses Eindringen und machen dadurch die Viren unschädlich. Die Forscher konnten bereits in Versuchen mit Mäusen zeigen, dass eine Gabe des Antikörpers die Tiere vor einer Ansteckung mit verschiedenen Grippeviren schützt.

Grippeimpfstoffe, die heute zum Einsatz kommen, müssen jedes Jahr aufs Neue an die jeweils aktuellen Virustypen angepasst werden, da die Grippeerreger ständig ihre Hüllproteine verändern. Wenn es also gelänge, einen Impfstoff gegen einen genetisch stabilen Bestandteil auf der Virushülle zu entwickeln, könnte eines Tages eine universelle aktive Immunisierung gegen verschiedene Grippeerreger erreicht werden. Die Antikörper könnten möglicherweise über eine vorübergehende Schutzwirkung hinaus auch für die Therapie einer bereits bestehenden Grippeerkrankung entwickelt werden. Nach den ersten Studien in Mäusen sind nun zunächst noch viele weitere Untersuchungen inklusive der erforderlichen klinischen Studien notwendig, bevor sich diese Ergebnisse in die Praxis umsetzen lassen.

Basierend auf Methoden der Bio- und Gentechnologie sind in letzter Zeit bereits etliche wegweisende Neuerungen auf dem Gebiet der Grippeimpfstoffe zu verzeichnen. Dazu zählen beispielsweise die Grippeimpfstoffherstellung in Zellkulturen, neuartige Wirkverstärker (Adjuvanzien), die dafür sorgen, dass die Impfdosis (Antigenmenge) erheblich gesenkt werden kann, sowie die Zulassung von sogenannten Mock up-Impfstoffen (Prototyp-Impfstoffen) als Voraussetzung für die schnelle Impfstoffproduktion im Falle einer Pandemie. Deutschland zählt zu den wichtigsten Standorten für die Herstellung von Grippeimpfstoffen weltweit, und alle Impfstoffhersteller arbeiten derzeit mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Neue Grippe.


Literaturtipps:- Ekiert et al., Antibody Recognition of a Highly Conserved Influenza Virus Epitope, Science, 2009, Vol. 324, pp. 246 – 251
- Sui et al., Structural and Functional Bases for Broad-Spectrum Neutralization of Avian and Human Influenza A Viruses, Nature Structural & Molecular Biology, 2009, Vol. 16, pp. 265 – 273


Stand: 29. Juni 2009