Molekularbiologie und Biotechnologie sind nicht nur bei der Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente und Therapien unverzichtbar, sondern auch bei der Forensik und Aufklärung von Verbrechen von zunehmender Bedeutung. So sammelt die Spurensicherung am Tatort seit einiger Zeit routinemäßig auch Material für DNA-Analysen, um über einen Vergleich mit Datenbanken und Tatverdächtigen zur Täterermittlung oder zur Entlastung von Tatverdächtigen beizutragen. Hierbei gibt es immer mehr technische Möglichkeiten.

Laborgefäß mit gelöster DNA, aus der ein Forscher mit einer Pipette Flüssigkeit entnimmt. In Hintergrund ist eine Gensequenz so gezeigt, wie ein Sequencer sie darstellt. (© Bayer Schering Pharma)
Mit klassischen Labormethoden lässt sich bereits seit längerem feststellen, ob eine Tatortprobe Blut, Speichel oder Sperma enthält. Um weitere Informationen aus einer DNA-Probe abzuleiten, wird derzeit die molekularbiologische Forschung in den forensischen Labors vorangetrieben.

Neu sind beispielsweise erste Erkenntnisse, um anhand der mRNA-Moleküle festzustellen, aus welchem Gewebe die Erbgutprobe stammt. mRNA – abgekürzt für messenger RNA (Boten-RNA) – ist das RNA-Transkript eines zu einem Gen gehörigen DNA-Abschnitts, das im Zuge der Proteinsynthese als Zwischenstufe zwischen Gen und Protein im Zellkern gebildet wird. Da in jedem Gewebetyp unterschiedliche Gene aktiv sind und nur für die aktiven Gene mRNA gebildet wird, kann man aus der vorhandenen mRNA ablesen, mit welchem Gewebetyp man es zu tun hat. So kann mittlerweile sogar schon zwischen venösem Blut und beispielsweise Menstruationsblut unterschieden werden. Denn selbst Blut ist nicht gleich Blut.

Die Forscher arbeiten darüber hinaus derzeit auch daran, den genauen Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem eine DNA-Spur hinterlassen wurde. Dies könnte insbesondere bei Blut funktionieren, da anhand der tagesrhythmischen Schwankungen bestimmter Hormone wie Melatonin oder Kortisol der Zeitpunkt ableitbar sein könnte, von dem das Blut am Tatort stammt. Allerdings müssen bei diesem Ansatz auch individuelle Faktoren wie Stress berücksichtigt werden, die sich auf Biorhythmus und Hormonkonzentrationen auswirken können.

Ein weiterer Ansatz wird in den Niederlanden verfolgt, wo es seit einigen Jahren erlaubt ist, aus der DNA auch äußerlich sichtbare Merkmale einer verdächtigen Person abzuleiten. In den meisten anderen europäischen Ländern ist dies mit Ausnahme der Geschlechtsbestimmung nicht gestattet. In den Niederlanden erarbeitet man derzeit ein Verfahren, das über die DNA Rückschlüsse zum Beispiel auf Augen- und Haarfarbe ermöglichen soll.

Das am Tatort gefundene Blut kann in Zukunft vielleicht auch dafür genutzt werden, das Alter des Täters innerhalb bestimmter Altersgruppen einzugrenzen. Diese Annahme basiert auf der mit zunehmendem Alter abnehmenden Aktivität des Thymus, eines Organs des menschlichen Immunsystems. Je älter ein Mensch ist, desto weniger kreisförmige DNA-Moleküle, die als Abfallprodukt bei der Herstellung bestimmter Strukturen des Immunsystems anfallen, sind im Blut eines Menschen zu finden. Allerdings müssen auch hierbei individuelle Einflüsse berücksichtigt werden, wie beispielsweise Krankheiten oder Medikamente, die das sogenannte immunologische Alter erhöhen können und den Menschen immunologisch älter erscheinen lassen, als er tatsächlich ist.

Die Forschungen auf dem Gebiet der Forensik und Kriminalistik mit Einsatz modernster molekularbiologischer Techniken befinden sich zwar noch überwiegend im Anfangsstadium, einige der neuen Verfahren werden jedoch schon bald Einzug in den Alltag der Kriminalisten halten können. Der Tatort der Zukunft wird voraussichtlich dank molekularbiologischer Hightech-Methoden weit mehr Details über eine tatverdächtige Person preisgeben, als dies heute schon der Fall ist.