Ein französisch-schwedisches Forscherteam hat erstmals zwei Riesenviren entdeckt(1) , die neue Rätsel für die Wissenschaft aufwerfen. Das Genom dieser Megaviren ist doppelt so groß wie das der bisher größten bekannten Viren. Mit einer Länge von einem Mikrometer sind die sogenannten Pandoraviren sogar unter dem Lichtmikroskop sichtbar. Ihre Herkunft ist momentan noch völlig unbekannt.

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Bereits vor zehn Jahren entdeckten Forscher auf der Suche nach krankmachenden Bakterien in einem Kühlturm einen Organismus mit der Größe eines kleinen Bakteriums, das sich jedoch nach näheren Untersuchungen als Virus entpuppte. Dieses bislang größte bekannte Virus wird nun von den beiden neu entdeckten Riesenvieren übertroffen. Eines der beiden Viren isolierten die Forscher aus dem Sediment einer Flussmündung vor der Küste Chiles, das andere aus dem Schlamm eines Tümpels nahe der australischen Stadt Melbourne. In Anlehnung an die Büchse der Pandora, deren Öffnen sprichwörtlich viele Überraschungen bereithalte, nannten sie das aus Salzwasser isolierte Virus Pandoravirus salinus und das im Süßwasser entdeckte Virus Pandoravirus dulcis.

Die Megaviren sind etwa einen Mikrometer lang, einen halben Mikrometer breit, oval geformt und haben an einem Ende eine Öffnung. Sie leben als Parasiten in Amöben, also in einzelligen Organismen. Ihr Genom umfasst 1,9 beziehungsweise 2,5 Millionen Basenpaare und ist damit doppelt so groß wie das der bisher größten bekannten Viren. Damit sind diese Pandoraviren größer als viele Bakterien und sogar größer als einige eukaryotische Zellen (Zellen, die einen Zellkern aufweisen).

Viren werden als Nicht-Lebewesen klassifiziert, da sie keinen eigenen Stoffwechsel betreiben, keine eigenen Proteine herstellen und sich nicht ohne jeweilige Wirtszelle reproduzieren können. Die Entdeckung der Megaviren verschiebt schon allein aufgrund ihrer Größe die Grenzen zwischen Viren und Lebewesen und wirft die Frage auf, ob die bisherige Klassifizierung von Viren weiterhin gerechtfertigt ist. Dieser Fragestellung liegt auch die Erkenntnis zu Grunde, dass die meisten Gene der Pandoraviren bislang unbekannt sind. Pandoravirus salinus besitzt über 2.500 und Pandoravirus dulcis ca. 1.500 Gene. „93 Prozent der Gene der Pandoraviren sind völlig fremdartig, sie lassen sich auf keinen bekannten Zellstammbaum zurückführen“, erklären die Forscher. Auch zu den bisher bekannten Megaviren lasse sich keine Verwandtschaft feststellen. Des Weiteren sei noch zu klären, ob die Übersetzung ihrer Gene in Proteine überhaupt dem Standard-Gencode entspreche.

Wie die Pandoraviren entstanden sind und wie sie sich in den Stammbaum des Lebens einordnen lassen, bleibt daher vorerst ein Rätsel, dem die Forscher mit den Methoden der modernen Molekularbiologie weiter auf die Sprünge zu kommen versuchen.



Literaturtipp:
(1) Philippe et al., Pandoraviruses: Amoeba viruses with genomes up to 2.5 Mb reaching that of parasitic eudaryotes, Science, 2013, Vol. 341, pp 281-286