Am 16. April 2018 hat Prof. Dr. med. Thorsten Zenz vom Universitätsspital Zürich den diesjährigen Paul-Martini-Preis erhalten. Mit seiner vor allem am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg durchgeführten Forschung hat er die Kenntnisse über die genetischen Veränderungen bei Haarzell-Leukämie (HCL) wesentlich vertieft. Damit hat er die Grundlage für eine zielgerichtete, personalisierte Behandlung dieser Erkrankung gelegt. Insbesondere konnte er zeigen, dass ein bereits erfolgreich bei bestimmten Melanompatienten eingesetzter BRAF-Hemmer in geringerer Dosierung auch bei HCL wirksam ist.

Prof. Dr. med. Thorsten Zenz vom Universitätsspital Zürich, Paul-Martini-Preisträger 2018, erläutert seine Forschung. (© Paul-Martini-Stiftung / T. Böhm)


Haarzell-Leukämie gehört zu den B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphomen; sie ist mit 150 bis 200 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland selten. Bei der Haarzell-Leukämie werden Immunzellen, die eigentlich Antikörper produzieren sollen (sogenannte B-Lymphozyten), zu Krebszellen, die unter dem Mikroskop wie behaart aussehen. Diese weisen fast ausnahmslos eine Veränderung im Gen BRAF auf, die sie zu unaufhörlichen Zellteilungen antreibt. Dementsprechend lässt sich die Krankheit, wie Zenz zeigen konnte, oftmals mit dem BRAF-blockierenden Wirkstoff Vemurafenib behandeln, und das bereits in niedriger Dosis. Zenz klärte aber auch, weshalb diese Therapie nicht immer wirksam ist: Bei manchen Haarzellen sorgen zusätzliche Veränderungen in anderen Genen dafür, dass die Zellteilung noch auf andere Weise angestachelt wird.

„Die Arbeiten von Professor Zenz zeigen, was die systematische Untersuchung von Mutations-, Expressions- und Methylierungsstatus bei Tumorzellen für eine immer stärker individualisierte Krebstherapie leisten kann. Er hat damit beigetragen, die Grundlagen dafür zu legen, aus der Bestimmung von Tumormutationen in Verbindung mit Wirkstoff-Assays Hinweise zur Auswahl effektiver Therapien abzuleiten.“, würdigte Prof. Dr. Stefan Endres, LMU München, die Arbeiten im Namen der sechsköpfigen Jury.

Durch umfassende Sequenzierung fand Zenz erhebliche genetische Diversität zwischen den HCL-Zellen verschiedener Patienten, aber auch Mutationen, die immer wieder auftreten. Dazu zählen bei der klassischen HCL beispielsweise Mutationen im Zellzyklus-Inhibitor-Gen CDKN1B und im Histonmethyltransferase-Gen KMT2C bei jeweils rund 15 % der Patienten.

Zenz leitete in jüngster Zeit auch mit Dr. Wolfgang Huber vom European Molecular Biology Laboratory (Heidelberg) eine systematische Auswertung hämatologischer Biopsien (einschließlich HCL) mit dem Ziel, die entscheidenden Faktoren für das Ansprechen der Patienten auf bestimmte Medikamente herauszufinden. Untersucht wurden der Mutations-, Expressions- und Methylierungsstatus sowie die in vitro-Sensitivität der Tumorzellen für eine Vielzahl gängiger Krebsmedikamente. Dabei wurde deutlich, dass die Sensitivität weit häufiger als bisher bekannt durch Mutationen beeinflusst wird. Allerdings wurde auch klar, dass sich die gefundenen Sensitivitäten nicht ausschließlich aus den Mutations-Befunden ableiten lassen. Aus diesem Grund hat die Kombination von schnell durchführbaren Wirkstoffsensitivitäts-Assays mit der Erstellung von molekularen Profilen laut Zenz das Potential, ein Schlüsselinstrument zur Abschätzung des jeweiligen Ansprechens auf Krebstherapien zu werden. Dies kann die Grundlage für die Weiterentwicklung der stratifizierten und individualisierten Krebsbehandlung bilden.


Der Preisträger

Prof. Dr. med. Thorsten Zenz ist Leitender Arzt in der Klinik für Hämatologie am Zentrum für Hämatologie und Onkologie des Universitätsspitals Zürich. Die prämierten Arbeiten entstanden zu seiner Zeit am Universitätsklinikum Heidelberg und dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), in der er zudem Leiter der Abteilung Molekulare Therapie in der Hämatologie & Onkologie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg war.

Paul-Martini-Preisträger Prof. Dr. med. Thorsten Zenz (Mitte) mit Prof. Dr. Stefan Endres (links) und Dr. Dr. Kristian Löbner (rechts) von der Paul-Martini-Stiftung. (© Paul-Martini-Stiftung / T. Böhm)


Die Paul-Martini-Stiftung

Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung mit Sitz in Berlin fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der vfa, Berlin, mit seinen derzeit 42 Mitgliedsunternehmen.

Die Stiftung ist benannt nach dem herausragenden Bonner Wissenschaftler und Arzt Professor Paul Martini (1889-1964) in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die Förderung und Weiterentwicklung der klinisch-therapeutischen Forschung, die er mit seiner 1932 veröffentlichten „Methodenlehre der therapeutischen Untersuchung“ über Jahrzehnte wesentlich geprägt hat.

Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird jährlich von der Paul-Martini-Stiftung, Berlin, für herausragende Leistungen in der klinisch-therapeutischen Arzneimittelforschung verliehen. Die Verleihung fand im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim statt.