Gleich zwei medizinische Leistungen wurden in diesem Jahr mit dem Paul-Martini-Preis gewürdigt[1], der für herausragende Arbeiten in der klinisch-therapeutischen Arzneimittelforschung am 20. April in Wiesbaden vergeben wurde: Prof. Dr. med. Ralf C. Bargou wurde ausgezeichnet für den ersten Beleg, dass ein neuartiger Antikörper gegen eine Form von Lymphknotenkrebs wirksam ist. Prof. Dr. med. Frank Martin Brunkhorst und Dr. med. Christoph Engel erhielten den Preis für den Nachweis, dass zwei Maßnahmen, mit denen Sepsispatienten viele Jahre lang behandelt wurden, unwirksam sind.

Die Preisträger des Paul-Martini-Preises 2009 v.l.n.r.: Prof. Ralf C. Bargou, Dr. Christoph Engel, Prof. Frank Martin Brunkhorst (©  Paul-Martini-Stiftung / Thomas Böhm)
Prof. Dr. med. Ralf C. Bargou leitet die interdisziplinäre Early Clinical Development Unit am Universitätsklinikum Würzburg. Dort erprobte er erfolgreich eine neue Therapie gegen eine Form von Lymphknotenkrebs, das B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphom. Dabei kam erstmals der bispezifische Antikörper Blinatumomab zum Einsatz, der an Lymphomzellen bindet und zugleich zytotoxische T-Zellen – eine für die Immunabwehr wichtige Gruppe von Blutzellen – rekrutiert. Nach ausgedehnten Tests in vitro und in verschiedenen Tiermodellen konnte Professor Bargou in einer Studie mit 38 Patienten einen ersten Beleg liefern, dass Blinatumomab auch in der klinischen Anwendung verträglich und dosisabhängig tumorspezifisch wirksam ist, wobei äußerst geringe Dosierungen ausreichten. Weitere Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit mit größeren Patientenzahlen knüpfen mittlerweile an diesen Ergebnissen an.

Prof. Dr. med. Frank Martin Brunkhorst, Universitätsklinikum Jena, und Dr. med. Christoph Engel, Universität Leipzig, forschen seit Jahren im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kompetenznetzes Sepsis. In einer ihrer Studien konnten sie zeigen, dass zwei lange gebräuchliche Interventionen – Volumenersatz mit Hydroxyethylstärke und intensivierte Insulintherapie – den Sepsispatienten keinen Überlebensvorteil bringen, aber die Rate von Komplikationen (Nierenversagen bzw. Hypoglykämien) steigern. Diese Ergebnisse haben seither weltweit die Sepsisbehandlung verändert. In einer epidemiologischen Studie stellten die beiden Mediziner zudem fest, dass Neuerkrankungsrate und Mortalität der Sepsis in Deutschland rund vier- bzw. zehnfach unterschätzt worden sind: Mit ca. 60.000 Todesfällen jährlich, so ihr Ergebnis, ist Sepsis die dritthäufigste Todesursache in Deutschland.

Illustration eines Antikörpers (©  vfa / R. Hillig)
Jenseits des Paul-Martini-Preises hat zudem erst neulich ein weiterer Antikörper (Catumaxomab) eines deutschen forschenden Biotech-Unternehmens auf sich aufmerksam gemacht[2]. Es handelt sich um den Vertreter einer ganz neuen Klasse der sogenannten trifunktionalen Antikörper mit drei verschiedenen Bindungsstellen, die den Antikörper zum einen an Oberflächenproteine auf Krebszellen binden und zum anderen sowohl T-Zellen als auch akzessorische Zellen des Immunsystems aktivieren. Dieser besondere Mechanismus ermöglicht, dass die trifunktionalen Antikörper in sehr geringen Dosierungen eingesetzt werden können. Der zuständige Ausschuss der europäischen Zulassungsagentur EMEA hat sich im Februar 2009 für die Zulassung von Catumaxomab zur Behandlung von malignem Aszites ausgesprochen. Maligner Aszites kann von unterschiedlichen Tumoren verursacht werden und führt durch die Besiedlung der Bauchhöhle mit Tumorzellen zu einer Ansammlung von Flüssigkeit. Catumaxomab zerstört die Krebszellen in der Bauchhöhle und kann den betroffenen Patienten damit helfen.

Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch erste Ansätze, die dem Motto „Two-in-One“ folgen und Antikörper zum Ziel haben, die Bindungsstellen für mehr als eine Zielstruktur eines Tumors haben[3]. Hier sind aber noch intensive Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten erforderlich, um solche Antikörper zu entwickeln und deren Potenzial für die Kombinationstherapie von Krebserkrankungen mit nur einem Molekül zu studieren.

Sowohl der diesjährige Paul-Martini-Preis als auch die Anstrengungen um die trifunktionalen und die „Two-in-One“ Antikörper zeigen einmal mehr die Bedeutung der biopharmazeutischen und klinischen Forschung auf dem Wege zu neuen therapeutischen Optionen für Patienten mit schweren und/oder bisher unheilbaren Krankheiten.


Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung, Berlin, fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der vfa, Berlin, der als Verband derzeit 47 forschende Pharma-Unternehmen vertritt. Die Stiftung ist benannt nach dem herausragenden Bonner Wissenschaftler und Arzt Professor Paul Martini (1889 - 1964), in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die Förderung und Weiterentwicklung der klinisch-therapeutischen Forschung, die er mit seiner 1932 veröffentlichten „Methodenlehre der therapeutischen Untersuchung“ über Jahrzehnte wesentlich geprägt hat. Nach ihm ist auch der jährlich von der Stiftung verliehene Preis für herausragende klinische Forschung benannt.


Literaturtipps:

1http://www.paul-martini-stiftung.de/de/paulmartinipreis/2009.html

2http://www.emea.europa.eu/pdfs/human/opinion/Removab_10009709en.pdf

3 Parren and Burton, Two-in-One Designer Antibodies, Science, 2009, Vol. 323, pp. 1567-1568


Stand: 21. April 2009