Wissenschaftler haben möglicherweise eine neue Behandlungsmethode gegen HIV gefunden. Der neue Therapieansatz greift die Infektion gleich auf zwei Arten an und basiert auf dem Molekül CLR01 (CLEAR01). Oder wie einer der Entdecker es taufte: „Die molekulare Pinzette“.

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Dabei war dieses Molekül erst für eine ganz andere Krankheit als möglicher Wirkstoff im Gespräch. Denn sein Name ist dem Wirkmechanismus von CLR01 geschuldet. Das von Wissenschaftlern der Universität Duisberg-Essen entwickelte Molekül ist in der Lage, gezielt die Aminosäure Lysin in fehlerhaften Proteinen anzugreifen. Diese fehlerhaften Proteine neigen oftmals zur Verklumpung – eine mögliche Ursache der Alzheimer-Erkrankung. Da lag die Vermutung nahe, CLR01 könne neue Möglichkeiten in der Behandlung von Alzheimer bieten. Erste Versuche bestätigen diese Annahme und zeigten zudem, dass CLR01 neben der Beseitigung der toxischen Proteinverklumpungen außerdem in der Lage ist, die Synapsen vor mit Alzheimer verbundener Degeneration zu schützen(1) . Dies liegt auch daran, dass CLR01 problemlos die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann.

Nun fanden Forscher heraus, dass die molekulare Pinzette eventuell auch für die Prävention von HIV interessant sein könnte. Bei dieser Virusinfektion wirkt das Molekül nämlich ebenfalls auf zwei Arten. Es greift zum einen direkt die Viruspartikel an und zerstört deren Hülle. Gleichzeitig werden auch die sogenannten SEVI (Semen Enhancer of Virus Infection) zerstört(2) . Dabei handelt es sich um dünne Fasern, die aus Fragmenten der prostataspezifischen sauren Phosphatase (PAP) bestehen. Dieses Protein kommt natürlicherweise in der Samenflüssigkeit vor. Die Fasern erleichtern es den Viren, sich an den Zielzellen anzuheften und diese zu infizieren. Wie die Forscher nun entdeckten, ist CLR01 durch seinen Wirkmechanismus in der Lage, neben Lysin auch die Aminosäure Arginin in den Proteinfragmenten anzugreifen und diese zu zerstören(3) .

CLR01 gehört zur Gruppe der Mikrobizide, also Substanzen, die Bakterien und Viren unschädlich machen können. Gegenüber anderen Mikrobiziden besitzt es den Vorteil, SEVI auch in vivo zerstören zu können. Bisher konnten nämlich viele Mikrobizide zwar im Labor erfolgreich gegen HIV eingesetzt werden, zeigten jedoch im Körper keine Wirkung(4) .

Ein weiterer Vorteil von CLR01 wäre die unkomplizierte Verabreichung in Form eines Gels für die vaginale oder anale Anwendung. Außerdem könnte CLR01 bei weiteren Indikationen ein möglicher Therapiekandidat sein. Dazu gehören Virusinfektionen wie Herpes oder Hepatitis C(5) .

Die ersten Ergebnisse in Zellkulturen und in Mäusen verliefen vielversprechend. Diese müssen sich aber erst noch in klinischen Tests bestätigen lassen. Zur Entdeckung des Wirkstoffs haben zu einem großen Teil auch die Erkenntnisse und Leistungen der modernen biotechnologischen Forschung beigetragen.


Literaturtipps:
(1) https://www.uni-due.de/de/presse/meldung.php?id=7857
(2) https://www.uni-ulm.de/home2/presse/pressemitteilung/article/neuer-ansatz-fuer-mikrobizidebreine-molekulare-pinzette-gegen-hiv.html
(3) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18083097?access_num=18083097&link_type=MED&dopt=Abstract
(4) http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/vaginalgele-in-der-aids-praevention-vom-sperma-unterwandert-1.2216852
(5) https://www.uni-ulm.de/home2/presse/pressemitteilung/article/neuer-ansatz-fuer-mikrobizidebreine-molekulare-pinzette-gegen-hiv.html