Blutproben von Patienten (©°Takeda Pharma)
Eine medizinische Studie in einer Größenordnung, wie es sie bisher in Deutschland noch nicht gegeben hat, soll Aufschluss über die Ursachen häufiger Erkrankungen bringen, darunter Diabetes und verschiedene Herz-Kreislauf-, Krebs- und Demenzerkrankungen. Dazu sollen 200.000 Bundesbürger über einen Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren begleitet werden. Die Teilnehmer sollen bei Studienbeginn gesund sein und werden im Verlauf der Studie regelmäßig medizinisch untersucht sowie nach ihren Lebensgewohnheiten und sozioökonomischen Daten befragt.

Die Koordination dieser - auch Kohortenstudie genannten - Untersuchung übernehmen zwei Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft: das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg sowie das Helmholtz Zentrum München. Auch die übrigen Helmholtz-Gesundheitszentren sind beteiligt. Die Kohorte heißt deshalb auch Helmholtz-Kohorte.

Der Begriff Kohorte kommt ursprünglich aus dem Römischen Reich und wurde dort für eine militärische Einheit, insbesondere für eine Untereinheit der römischen Legion verwendet. Und auch bei der Helmholtz-Kohorte handelt es sich um eine Einheit: Die zu Rekrutierungsstart gesunden Teilnehmer geben ihr Einverständnis zur Teilnahme an der Langzeitstudie und werden über zehn bis zwanzig Jahre hinweg regelmäßig untersucht. Dies umfasst Fragebögen, um psychosoziale Faktoren (z.B. akuter oder chronischer Stress, Angst, soziale Isolation) und den jeweiligen Lebensstil (z.B. sportliche Aktivitäten, Ernährung, Rauchen) sowie die medizinische Vorgeschichte, etwaige Einnahmen von Arzneimitteln und dergleichen zu erheben. Des weiteren werden allen Probanden Blutproben entnommen und für spätere Forschungszwecke in einer zentralen Biobank gelagert.

Im Verlauf der langen Studiendauer wird erwartungsgemäß ein Teil der Probanden erkranken. Diese Erkrankungen können dann rückwirkend mit den bis dato bereits gesammelten Daten in Verbindung gebracht werden. Die Helmholtz-Kohorte soll also Antworten auf eine Vielzahl epidemiologischer Fragen liefern sowie Risikofaktoren für die großen Volkserkrankungen identifizieren und neue Wege zur Prävention aufzeigen. Damit knüpft sie an die bisher in wesentlich kleinerem Maßstab laufenden Bevölkerungsstudien wie der Kora-Studie in Augsburg oder der Urmutter solcher Studien, die 1948 gestartete Framingham Heart Study in den USA, an.

Die Helmholtz-Kohortenstudie wird gemeinsam mit Universitäten und anderen nationalen Forschungseinrichtungen durchgeführt werden. Die Gesamtkosten des Projektes betragen schätzungsweise 150 bis 200 Millionen Euro. Die Studie wird 2009 mit einer circa dreijährigen Planungs- und Pilotphase beginnen. Die Aufnahme von Probanden in die Kohorte wird im Jahr 2012 starten.

Neben der Helmholtz-Kohorte gibt es gegenwärtig noch weitere Aktivitäten mit dieser Zielrichtung: So sollen im Rahmen des europäischen Großprojektes BBMRI („Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure“) mehr als hundert Biobanken in Europa zusammengeführt und standardisiert werden. Somit wird die erforderliche statistische Basis geschaffen, um am Ende tatsächlich auch Marker für bestimmte Krankheiten zu identifizieren. Auch das Exzellenzprogramm LIFE der Universität Leipzig, das gerade vom europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) mit 38 Millionen Euro unterstützt wurde, widmet sich diesem Ziel. 10.000 gesunde Leipziger sowie mehr als 17.000 Patienten sollen auf verschiedene Krankheitsmarker hin untersucht werden, wobei auch Genom-, Transkriptom- und Metabolomanalysen zum Einsatz kommen und mit Informationen über Lebensstil und Umweltfaktoren in Bezug gebracht werden.

Auch in anderen Ländern starten derzeit große Kohorten-Projekte, so beispielsweise in Großbritannien, Skandinavien, den Niederlanden und in der Volksrepublik China. Der Start der Helmholtz-Kohorte ist ein gutes Signal für die Forschung in Deutschland, denn nur hohe Fallzahlen einzelner Biobanken und das Bündeln unterschiedlichster Expertisen werden die Wissenslücke zwischen der Kenntnis des menschlichen Genoms einerseits und dem Entstehen komplexer Krankheiten andererseits schließen können.

Modernste biotechnologische Methoden sind bei diesen umfassenden Ansätzen für die Erreichung des gemeinsamen Ziels der Kohorten- und Biobanken-Aktivitäten unerlässlich. Dieses ist es letztlich, krankheitsassoziierte Biomarker zu identifizieren, um die Entstehung komplexer Erkrankungen besser zu verstehen und daraus frühzeitige Diagnosemöglichkeiten oder gar präventive Optionen entwickeln zu können.