Nacktmulle sind auf den ersten Blick eher unansehnliche Nagetiere. Betrachtet man die Biologie der Tiere jedoch einmal genauer, so stellt man fest, dass es sich bei ihnen um eine faszinierende Art handelt. In der Tat hat der Mensch mit dem Nacktmull sogar einiges gemeinsam: So sind beide sehr sozial, für ihre Größe recht langlebig (30 Jahre beim Nacktmull) und haben einen geringen Druck durch natürliche Selektion.

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An dem Nager sind besonders Schmerz- und Krebsforscher interessiert, da dieses Tier unempfindlich gegen Temperaturen und Säure ist und nur äußerst selten an Krebs erkrankt. Zudem sind auch Diabetes und Herzkrankheiten bei Nacktmullen nahezu unbekannt. Weiterhin wurde von Forschern des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin gezeigt, dass Nacktmulle stundenlangen Sauerstoffmangel aushalten und sogar bis zu 18 Minuten komplett ohne Sauerstoff überleben können, indem sie ihren Stoffwechsel von Glukose auf Fruktose umstellen(1) . So verwundert es auch nicht, dass der Nacktmull im Jahr 2013 zum „Vertebrate of the Year“ gekürt wurde(2) .

Doch woher kommen all die Besonderheiten des unter der Erde lebenden Nagetiers? Fest steht, dass die Lebensart der Nacktmulle großen Einfluss auf ihre Langlebigkeit hat: Nacktmulle leben in unterirdischen Tunnelsystemen in ostafrikanischen Wüstengebieten. Dort sind sie sehr gut vor Feinden geschützt. Ein wichtiger Faktor, der die Langlebigkeit der Nacktmulle zudem erklären könnte, ist, dass sie ihren Stoffwechsel grundsätzlich auf Sparflamme halten. So müssen die Nacktmulle kaum Energie dafür aufwenden, ihre Körpertemperatur zu regulieren, da in den Gängen unter der Erde eine ganzjährig konstante Temperatur von 29 bis 30 Grad herrscht.

Neuerdings diskutieren Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" zudem auch, ob die für Nagetiere untypische Sozialstruktur der Nacktmulle im Zusammenhang mit ihrer Langlebigkeit steht(3) . Nacktmulle weisen ein sogenanntes eusoziales Verhalten auf, das man sonst vor allem von Insekten wie Bienen oder Ameisen kennt. Doch auch die unterirdisch lebenden Nacktmulle setzen auf strikte Arbeitsteilung und leben in Staaten. Ähnlich wie in einem Bienenvolk, bringt nur die “Königin“ Junge zur Welt und nur ein bis drei Männchen dienen dem fruchtbaren Weibchen als Partner. Die restlichen Tiere - meist siebzig bis achtzig, manchmal auch bis zu 300 - arbeiten für die Gemeinschaft. Sie schaffen Nahrung herbei, bauen das Tunnelsystem weiter aus und verteidigen es gegen Eindringlinge.

Trotz ihrer Langlebigkeit erkranken Nacktmulle nur äußerst selten an Krebs. Forscher haben herausgefunden, dass ein bestimmtes kettenförmiges Zuckermolekül, die Hyaluronsäure, in Nacktmullen sehr viel längerkettiger ist als beim Menschen(4) . Dies könnte ein Grund für die Krebsresistenz der Tiere sein.

Hyaluronsäure ist ein wichtiges Element der sogenannten extrazellulären Matrix, die eine Art strukturgebendes Bindeglied z.B. zwischen Hautzellen darstellt. Die Produktion des Hyaluronsäure-Moleküls erfolgt bei Nacktmullen mit Hilfe eines veränderten Spezialenzyms, und zudem sind Hyaluronsäure-abbauende Enzyme in Nacktmullen weniger aktiv als beim Menschen und bei Mäusen. Die somit längeren Matrixketten halten einzelne Zellen in engerem Kontakt. Dadurch ermöglichen sie, dass bereits im Anfangsstadium einer Entartung eingegriffen und diese bereits in der Frühphase gestoppt werden kann. Der zugrundeliegende Alarmmechanismus wurde von Forschern “Early Contact Inhibition“ (Frühkontakthemmung) genannt und wird ab einer bestimmten Schwellendichte über die extrazelluläre Matrix vermittelt. Er führt dazu, dass Zellen ihr Wachstum und ihre Teilungsrate bereits in einem frühen Stadium bremsen.

Weiterhin fanden Forscher heraus, dass der Rezeptor CD44 als Andockstelle für die Hyaluronsäure dient, und dass eine Blockierung dieser Schnittstelle den Mechanismus der Frühkontakthemmung im Gewebe inhibiert. Eine Inhibierung des CD44-Rezeptors führte in Experimenten dazu, dass die sonst tumorresistenten Nacktmullzellen für onkogene Viren anfällig wurden.

Die langen Hyaluronsäure-Moleküle der Nacktmulle könnten neben der Tumorresistenz zudem noch einen weiteren entscheidenden Vorteil gegenüber kürzeren Molekülen aufweisen: So sind die Haut und das obere Bindegewebe der Mulle dadurch deutlich elastischer und verformbarer, was bei den harschen Lebensbedingungen der Tiere unter der Erde von Vorteil ist.

Der Nacktmull verdeutlicht einmal mehr, dass bei der Tumorentwicklung nicht nur die betroffenen Zellen selbst eine Rolle spielen, sondern auch deren Umgebung. Die bisherigen Erkenntnisse über den Schutzmechanismus der Frühkontakthemmung könnten bei der Erforschung neuer Ansätze der Krebsprävention und -behandlung genutzt werden.



Literaturtipps:

(1) https://www.mdc-berlin.de/47360064/de/news/2017/20170420-wie-nacktmulle-sauerstoffmangel-trotzen
(2) https://www.livescience.com/42245-naked-mole-rat-vertebrate-of-year.html
(3) http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/282/1802/20141664
(4) http://www.spektrum.de/news/warum-nacktmulle-nicht-an-krebs-erkranken/1198476