1. Wie nutzen innovative Onkologika den Patienten?

Patienten überleben heute nach der Diagnose Krebs wesentlich länger. Krebs entwickelt sich immer mehr von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung (mitunter wird dieser Vorgang auch als funktionelle Heilung bezeichnet), und in einer steigenden Zahl von Fällen kann die Erkrankung sogar vollständig besiegt werden. Und selbst nach den engen Kriterien der frühen Nutzenbewertung gemäß AMNOG wurde mehr als 80 % der bewerteten Onkologika ein Zusatznutzen im Vergleich zu bisherigen Therapien zugesprochen.

2. Wie nutzen innovative Onkologika der Gesellschaft?

Menschen, die erfolgreich behandelt werden, erhalten neue Lebenschancen und können länger und aktiver am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilhaben. So kehren zwei Drittel der Krebsüberlebenden im Erwerbsalter heutzutage ins Arbeitsleben zurück. Dadurch leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft und die Volkswirtschaft insgesamt. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland unverzichtbar.

3. Warum sind weitere F&E-Aktivitäten in der Onkologie erforderlich?

Wir sind noch weit davon entfernt, einen Sieg über den Krebs verkünden zu können. Zwar gab es in den letzten Jahrzehnten deutliche Verbesserungen bei den Überlebensraten, und gerade die jüngsten Innovationen erweisen sich als sehr vielversprechend. Dennoch müssen wir die Molekularbiologie der Tumorentstehung und ­progression sowie der Resistenzbildung gegen vorhandene Therapeutika noch besser verstehen lernen, um Krebs in seinen vielfältigen Ausprägungen überwinden zu können.

So wird Krebs in absehbarer Zukunft auch aufgrund der demografischen Entwicklung die Todesursache Nr. 2 (nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen) in Deutschland bleiben (in einigen europäischen Ländern liegt Krebs bereits an erster Stelle). Auch gibt es natürlich nicht "den Krebs", ebenso wenig wie es "die Infektionskrankheit" gibt. Mehr als 200 Krebsarten sind bekannt, aber noch sind längst nicht alle therapierbar: Während in einigen Indikationen große Fortschritte gemacht wurden (Brustkrebs und einige Blutkrebsarten), sind in anderen Indikationen die Aussichten nach wie vor schlecht (Glioblastom, Pankreaskrebs) bzw. profitieren nur Subgruppen von den Innovationen (z. B. Hautkrebspatienten mit der sogenannten BRAF­Mutation).

Es gibt und wird wohl auch nie die eine Therapie gegen Krebs geben; vielmehr werden auch in Zukunft unterschiedliche Therapien kombiniert werden und personalisierte, auf den Patienten oder bestimmte Patientengruppen abgestimmte Therapien entwickelt werden müssen. Aus diesen Gründen sind weitere F&E­ Aktivitäten auf dem Gebiet der Onkologie auch in Zukunft dringend erforderlich.

4. Welche Bedeutung kommt den personalisierten Onkologika zu?

Bei der personalisierten Medizin spielen sogenannte Biomarker eine entscheidende Rolle. Der Großteil der personalisierten Arzneimittel ist für onkologische Indikationen zugelassen. Personalisierte Onkologika erhöhen die Ver- sorgungs- und Lebensqualität durch die Verbesserung der medizinischen Behandlung und durch Reduktion bzw. Ausschluss von Therapieabbrüchen und unwirksamen Therapieversuchen. Da der Patient auf die entsprechenden Biomarker hin untersucht wird, erhält er im Falle personalisierter Onkologika nur solche, die für seine bestimmte Krebsart und deren Mutationsstatus wirksam sind. Dies nützt nicht nur dem Patienten, sondern führt auch zu einem effektiveren Mitteleinsatz im Gesundheitssystem.

Zudem wären einige hochwirksame Onkologika ohne einen personalisierten Ansatz gar nicht zugelassen worden. Hätte man z. B. Onkologika, die gezielt Hautkrebszellen mit der sogenannten BRAF-Mutation angreifen, an allen Haut­ krebspatienten getestet, ohne zuvor auf den Biomarker zu screenen, wäre statistisch keine Verbesserung der Überlebensraten feststellbar gewesen.

5. Bleiben die neuen Krebstherapien finanzierbar?

Ein wesentlicher Teil der Krebsbehandlungen wird mittlerweile – zum Nutzen für die Patienten – ambulant durchgeführt. Die Kosten für die dafür eingesetzten Medikamente haben sich in den letzten Jahren moderat entwickelt. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Onkologika im ambulanten Bereich lagen in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt bei lediglich 11,5 % der gesamten Arzneimittelausgaben (2012: 10,4 %, 2016: 12,7 %) bzw. bei nur rund 2,2 % aller GKV-Ausgaben, obwohl Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland ist. Zudem wird Krebs immer besser, zielgerichteter und individueller behandelbar. Davon profitiert der einzelne Patient – und davon profitieren Gesellschaft und Volkswirtschaft, ohne dass das Gesundheitssystem finanziell überbeansprucht wird. Denn unnötige Therapien und Folgetherapien können vermieden und vorhandene Mittel und Ressourcen kosteneffizienter verwendet werden. Außerdem leisten die Krebspatienten, die ins Erwerbsleben zurückkehren, einen weiteren Beitrag zur Finanzierung des Gesundheitssystems sowie ins­ gesamt zur Aufrechterhaltung der volkswirtschaftlichen Produktivität.

Innovative Arzneimittel kommen auch nur dort zum Einsatz, wo es keine Behandlungsalternative gibt oder wo sie aufgrund ihrer besseren Wirksamkeit im Vergleich zu bestehenden Therapien sinnvoll sind. Deshalb erhalten nicht alle Patienten diese neuen Therapien, was zu einer Begrenzung der Ausgabenentwicklung bei Arzneimitteln beiträgt. Bei der Versorgung mit innovativen Medikamenten gilt zudem, dass auch im Bereich der Onkologie die Kosten dafür nach Patentablauf sinken, da der Markt dann von günstigeren Generika bzw. Biosimilars dominiert wird. Dies wiederum schafft Raum für die Finanzierung innovativer Arzneimittel.

Somit sind Ausgaben für Krebsmedikamente, die eine Heilung ermöglichen oder zumindest die Krankheit aufhalten und so eine Rückkehr in das normale Leben erlauben, nicht nur eine Investition in die Gesundheit der einzelnen Patienten, sondern auch im Sinne des Gesundheitssystems eine gesunde Investition für die gesamte Volkswirtschaft.


Quelle: „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2017 – Biopharmazeutika: Neue Therapiekonzepte in der Onkologie“, vfa bio/BCG