Was der Biotech-Standort Deutschland braucht

Eine neue Anlage zur gentechnischen Produktion von Wirkstoffen entsteht (© Sanofi-Aventis / M. Joppen)
Deutschland ist nach spätem Start heute in der medizinischen Biotechnologie gut aufgestellt. Um diese Position nicht nur zu verteidigen, sondern weiter auszubauen, ist unvermindert großes Engagement der Unternehmen nötig, aber auch ein wirtschafts- und gesundheitspolitisches Umfeld, das ihre Arbeit honoriert. Nur dann wird es möglich sein, Deutschland bis 2015 zum führenden Standort Europas für medizinische Biotechnologie zu machen.

Deutschland hat sich in der medizinischen Biotechnologie zuerst als Produktionsland einen Namen gemacht, beginnend mit der ersten kommerziellen Fermentierung eines Wirkstoffs gegen Blutgerinnsel ab 1987. Heute werden in Deutschland 19 zugelassene biopharmazeutische Wirkstoffe und zahlreiche weitere für klinische Prüfungen hergestellt (Stand: September 2010).

Als Standort für ihre gentechnische Wirkstoffforschung wählten Firmen in der Gründerzeit der 1980er und frühen 1990er Jahren meist lieber die USA, wo die Akzeptanz dafür größer und der Kontakt zu den Pionieren der Gentechnik und zu wichtigen Start-Up-Firmen leichter herzustellen war.

Aufholjagd

Doch dann begann eine beispiellose Aufholjagd. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete Mitte der 1990er Jahre der BioRegio-Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums. Er beförderte die Gründung zahlreicher Biotech-Start-Ups und die Beschäftigung mit der Biotechnologie in vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen und führte darüber hinaus zur Selbstorganisation etlicher Biotech-Regionen in Deutschland. Verschiedene Anschlussprogramme wie BioChance und BioChancePlus haben seither dazu beigetragen, diesen Erfolg zu festigen. Mittlerweile ist medizinische Biotechnologie die Domäne von 380 kleinen, mittleren und großen Unternehmen geworden. Erste Eigenentwicklungen deutscher Start-Up-Unternehmen haben die Zulassung erreicht, darunter der erste trifunktionale Antikörper (gegen Bauchwassersucht, einer Komplikation bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen).

Viele weitere Wirkstoffe, die hierzulande erfunden wurden oder an deren früher Entwicklung Labors in Deutschland beteiligt waren, werden derzeit in klinischen Studien erprobt. Viele davon sind monoklonale Antikörper und davon abgeleitete Moleküle, andere sind DNA- und RNA-Abkömmlinge. Die Studien werden international durchgeführt -unter wesentlicher Beteiligung deutscher Kliniken, so dass Deutschland in Europa führend bei der Zahl klinischer Medikamenten-Studien und Studieneinrichtungen ist.

Als förderlich für die medizinische Biotechnologie in Deutschland haben sich neben dem Engagement der Unternehmen auch folgende Faktoren erwiesen:

  • das dichte Netz guter, z.T. exzellenter Hochschulen, die biomedizinischen Forschungszentren der Max-Planck-, Helmholtz-, Fraunhofer- und Leibniz-Gemeinschaft,
  • die inzwischen 18 medizinischen Kompetenznetze zu verschiedenen Krankheitsgebieten,
  • weitere gezielte Förderprogramme des Bundesforschungsministeriums wie das nationale Genomforschungsnetz NGFN oder GO Bio und
  • die hohe Kompetenz der Zulassungsbehörden, insbesondere bei der wissenschaftlichen Beratung.

Bald dürften auch von den kürzlich gegründeten Nationalen Zentren der Gesundheitsforschung (u.a. zu Demenzerkrankungen, Diabetes und Krebs) wichtige Impulse ausgehen. Die Unternehmen schätzen hierzulande zudem die gut ausgebildeten Fachkräfte (siehe Kasten unten).

Eines der aktuell wichtigsten Förderprogramme ist BioPharma – das Flaggschiff innerhalb der mit insgesamt 800 Millionen Euro ausgestatteten Pharma-Initiative des Bundesforschungsministeriums. Das Programm unterstützt bis 2012 unternehmerisch geführte Konsortien, die strategische Konzepte für eine effiziente Entwicklung von Biopharmazeutika erstellen und umsetzen. So wird eine enge Zusammenarbeit von großen Pharma-Unternehmen, Biotech-Start-Ups und öffentlichen Forschungseinrichtungen gefördert.

Gefragte Güter auf dem Weltmarkt

Auch die „Hightech-Strategie 2020 für Deutschland" der Bundesregierung vom Juli 2010 erkennt in der Biotechnologie eine Schlüsseltechnologie: Von einer führenden Position auf diesem Gebiet hänge entscheidend die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ab, heißt es darin. Diese Einschätzung teilt der vfa. Denn im Zeitalter der Globalisierung kann Deutschland mit seinem vergleichsweise hohen Kostenniveau vornehmlich durch forschungsintensive, hochwertige Produkte und Dienstleistungen bestehen; und dies auch nur dann, wenn sich dafür Kunden in aller Welt finden.

Biopharmazeutika, die neue Therapieoptionen eröffnen, sind Produkte ganz in diesem Sinne.

Wie wird man Biotechniker oder Biopharmazeutika-Forscher?

Studenten Biotechnologie Biberach
Studierende des Studiengangs Pharmazeutische Biotechnologie an der Hochschule Biberach (© Hochschule Biberach)
„Wir nehmen auch Quereinsteiger: Bierbrauer und Käsemacher bringen gute Voraussetzungen für die Arbeit in der biopharmazeutischen Produktion mit." So berichtete kürzlich die Personalabteilung eines Unternehmens. Längst gibt es aber auch direkte Wege in das industrielle Berufsfeld der medizinischen Biotechnologie, in dem in Deutschland schon mehr als 34.600 Menschen tätig sind -auf hoch qualifizierten Arbeitsplätzen. Es sind insbesondere Naturwissenschaftler (Biotechnologen, Biologen, Chemiker, Biochemiker u.a.), Ingenieure und Absolventen technischer Ausbildungsberufe.

Ihre Techniker der Fachrichtung Biotechnik oder Produktionsfachkräfte für Biotechnik bilden produktionsstarke Firmen großenteils selbst aus – in Zusammenarbeit mit Fachschulen für Technische Assistenten. Grundlage für diese Weiterbildung ist meist eine abgeschlossene Ausbildung zum Laboranten, Chemikanten oder Pharmakanten. Eine Übersicht gibt die vom Bundesforschungsministerium initiierte Plattform www.biotechnologie.de in der Rubrik „Ausbildung". Ebenso findet man dort und unter www.master-bio.de Angaben zu Studiengängen für alle, die eine akademische Tätigkeit in der biotechnologischen Forschung, Produktion oder im Management anstreben. Die zahlreichen Studiengänge und Ausbildungsangebote tragen wesentlich zur internationalen Bedeutung Deutschlands in der Biotechnologie bei.


Nationen im Wettbewerb

Deutschland ist natürlich nicht das einzige Land, das seine medizinische Biotechnologie fördert. Auch Wettbewerber wie Großbritannien, Frankreich, Singapur und Indien haben große Anstrengungen unternommen, um als Biotech-Standort attraktiver zu werden. Ein wichtiges Instrument ist dabei die steuerliche Forschungsförderung, bei der Firmen ihre Forschungsaufwendungen auf die Steuerschuld anrechnen lassen können (oder anteilig erstattet bekommen). Deutschland gereicht es zusehends zum handfesten Nachteil für Ansiedlungs- und Erweiterungsvorhaben, dass es sich diesem de facto-Standard der allgemeinen Forschungsförderung noch nicht angeschlossen hat.

In Europa bis 2015 die Führung übernehmen

Deutschland hat das Potenzial, bis 2015 zum führenden Standort Europas in der medizinischen Biotechnologie zu werden. Bei der Produktion hat es das ja schon geschafft. Bei der Zahl von Mitarbeitern und Projekten für neue Medikamente muss es noch aufholen. Das bedarf großer Anstrengungen der Unternehmen, aber auch angemessener Rahmenbedingungen. Deshalb sollten insbesondere die folgenden Schritte eingeleitet werden:

  • Nötig ist eine Innovationspolitik aus einem Guss, die Gesundheits-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik integriert. Es muss ein Ende haben, dass Deutschland z.B. einem Unternehmen, das es bei der Produktentwicklung noch gefördert hat, den Markteintritt erschwert, indem es Ärzten mit Ausgabenvolumina und ähnlichen Restriktionen die Hände bindet. Stattdessen sollten künftig bestimmte Verordnungen automatisch als Praxisbesonderheit eingestuft und nicht auf das normale Ausgabenvolumen angerechnet werden.
  • Das gilt in besonderem Maße für Orphan Drugs, also Medikamente gegen seltene Krankheiten, von denen etliche Biopharmazeutika sind. Weil sie selten verordnet werden, kann ihre Entwicklung nur durch einen höheren Preis amortisiert werden. Dieser sollte nicht dem Arzt zur Last gelegt werden, da ansonsten Patienten mit seltenen Krankheiten benachteiligt wären.
  • Mittelfristig muss das Gesundheitswesen dereguliert und auf Wettbewerb ausgerichtet werden – mit dezentralen Vertragslösungen zwischen Herstellern und Krankenkassen.
  • Die frühe Nutzenbewertung muss fair ausgestaltet werden. Es muss berücksichtigt werden, dass direkt nach der Zulassung noch keine umfassenden Erfahrungen aus der Praxis vorliegen können. Und die Kosten-Nutzen-Bewertung für Medikamente darf nicht rein auf physiologische Parameter und Therapiekosten fixiert sein, sondern muss aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive erfolgen: auch verminderter Arbeitsausfall, vermiedene Frühverrentung und verringerte Pflegekosten sind anzurechnen.
  • Deutschland muss bei der steuerlichen Forschungsförderung mit seinen wichtigsten Wettbewerbern gleichziehen.

Eine führende Rolle Deutschlands in der medizinischen Biotechnologie wäre wirtschaftlich ein Vorteil für den Standort. Vor allem aber könnte sie dazu beitragen, dass Deutschland für den medizinischen Fortschritt – und damit für Patienten in aller Welt – weiter an Bedeutung gewinnt.



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