Der deutsche Markt für Biopharmazeutika

Im Jahr 2009 konnten die Hersteller mit Biopharmazeutika in Deutschland einen Umsatz von knapp 4,7 Milliarden Euro erwirtschaften (im Apotheken- und Krankenhausmarkt; gerechnet zu Herstellerabgabepreisen) (1) . Das entsprach 16% der Herstellerumsätze im gesamten deutschen Pharmamarkt und einer moderaten Steigerung von gut 5% gegenüber dem Vorjahr.

Damit hat sich das Umsatzwachstum über die letzten Jahre deutlich abgeschwächt: 2006 und 2007 war es noch zweistellig gewesen, und selbst im ersten Krisenjahr 2008 hatte es noch 9% betragen.

Wie die Analyse nach Therapiegebieten zeigt (siehe Diagramm), dominieren die Bereiche Stoffwechsel mit 26% (vor allem durch Insuline) und Immunologie (2) mit 24%. In der Immunologie sind insbesondere die Biopharmazeutika gegen rheumatische Erkrankungen – allen voran die TNF-Hemmer – umsatzstark. Es folgen die Therapiegebiete Onkologie mit 16% und Zentrales Nervensystem mit 14%. Viele Biopharmazeutika für letzteres Marktsegment dienen der Behandlung von Multiple Sklerose-Patienten.






Chart: Bio-Umsatz vfa

Dies ist eine interaktive Info-Grafik. Wenn Sie mit der Maus über die Datenreihen fahren, erhalten Sie die genauen Werte der einzelnen Datenpunkte. Außerdem können Sie Teile des Kreisdiagramms loslösen und wieder anfügen sowie die Grafik als Bild speichern oder ausdrucken. Wenn Sie diese Info-Grafik in Ihre Webseite einbinden möchten, können Sie sich dafür mit einem Klick auf den Menüpunkt „Einbinden“ den Embed Code kopieren.
Tags:
Bio-Umsatz vfa
Powered By: iCharts | create, share, and embed interactive charts online



Unterversorgung

Einige Biopharmazeutika erreichen in Deutschland längst nicht alle Patienten, denen sie nutzen könnten. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich.

Auffällig ist die Situation im Therapiegebiet Rheumatoide Arthritis. So wurden 2008 in Deutschland nur 8% der etwa 800.000 Patienten mit dieser Krankheit mit Biopharmazeutika (v.a. TNF-Hemmern) behandelt, in Spanien aber 17%, in Irland und Belgien 20% und in Norwegen sogar 28 % (3) . Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Ein Einflussfaktor ist die Dauer, bis Patienten in die Behandlung durch einen in der Rheumatherapie erfahrenen Arzt gelangen. Denkbar ist auch – und dies gilt gleichermaßen für die Unterversorgung in anderen Therapiegebieten -, dass hier die zahlreichen Restriktionen für Ärzte beim Verordnen von Medikamenten ihren Niederschlag finden. Zu diesen zählen u.a. die begrenzten Ausgabenvolumina (Richtgrößen) für ärztlich zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen verschriebene Arzneimittel, bei deren Überschreitung dem Arzt Regresszahlungen drohen. Auch die knapp 8 Millionen Patienten mit Osteoporose werden häufig nur unzureichend behandelt. So erhielten 2003 nur 22% der Patienten eine Osteoporose-spezifische Therapie (4) . Bei 75% der Patienten unterbleibt die Therapie selbst nach einem ersten Knochenbruch, der sich auf Osteoporose zurückführen lässt. Unter den Medikamenten, mit denen sich Osteoporose bekämpfen und die Knochenfestigkeit wieder verbessern ließe, finden sich drei Biopharmazeutika. Würden nur 50% der Knochenbrüche durch präventive Behandlung vermieden, könnten einer Studie (5) zufolge in Deutschland ca. 2 Milliarden Euro pro Jahr gespart werden. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb von dieser Möglichkeit nicht Gebrauch gemacht wird. Auch die Lysetherapie, mit der sich Blutgerinnsel auflösen lassen, erreicht nur rund 4-6% der Patienten, die einen Schlaganfall aufgrund eines verschlossenen Hirngefäßes erleiden. Grund dafür ist in diesem Falle, dass bislang eine Therapie nur im Zeitfenster von 3 Stunden ab Einsetzen der Symptome als medizinisch angezeigt angesehen wurde und nur rund ein Drittel der Patienten die Klinik in dieser Zeit erreicht; und auch dann ist weitere Zeit für die Diagnosestellung nötig. Durch Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung („Zeit ist Hirn“), optimierte Abläufe in den Stroke Units der Kliniken sowie eine Ausweitung des Behandlungszeitfensters aufgrund neuer Studienergebnisse auf 4,5 Stunden soll sich die Situation künftig bessern.

Medikamente können nur wirken, wenn sie die Patienten auch erreichen. Deshalb setzt sich der vfa dafür ein, dass innovative Arzneimittel -darunter Biopharmazeutika – den Patienten, die sie benötigen, auch verschrieben werden. Dies ist zum Nutzen für die Patienten und auch gesamtgesellschaftlich relevant, lassen sich doch dadurch Folgekosten wie Krankenhausaufenthalte, Frühverrentungen oder Produktivitätsverluste vermeiden.


(1) Michl, D., Heinemann, A.: BCG-Report Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2010. München (2010).
(2) Ohne Anwendungsgebiet Multiple Sklerose, die im Rahmen dieser Betrachtung den Krankheiten des Zentralen Nervensystems (ZNS) zugerechnet wird.
(3) Kobelt, G., Kasteng, F.: Access to Innovative Treatments in Rheumatoid Arthritis in Europe – a Report for the European Federation of Pharmaceutical Industry Associations (EFPIA). www.comparatorreports.se (2009).
(4) Häussler, B., et al.: Versorgung von Osteoporose-Patienten in Deutschland. Ergebnisse der BoneEVA-Studie. Deutsches Ärzteblatt 103(39), A 2542–2548 (2006).
(5) Oberender, P.O., Fritschi, D.A.: Disease Management und Osteoporose: Versorgungsmängel bei einer relevanten Frauenkrankheit. Deutsches Ärzteblatt 100(25), A 1728–1731 (2003).