Drucken
öffnen / schließen
Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter oder Google in die USA übertragen und unter Umständen auch dort gespeichert. Näheres erfahren Sie hier: https://www.heise.de/ct/artikel/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html

Biopharmazeutika - Hightech im Dienst der Patienten

Biosimilars: Nachbildungen patentfrei gewordener Biopharmazeutika

Wenn der Patentschutz für ein Originalpräparat abgelaufen ist, können andere Unternehmen eigene Versionen des Medikaments auf den Markt bringen. Das gilt grundsätzlich auch für Biopharmazeutika, obwohl sich diese nicht exakt kopieren lassen. Nachbildungen von Biopharmazeutika heißen deshalb Biosimilars (vom englischen similar = ähnlich).

Ähnlich, aber nicht gleich
Die Wirkstoffe von Biosimilars sind denen eines Originals ähnlich, identisch sind sie allerdings nie. Denn exakt betrachtet handelt es sich bei rekombinanten Wirkstoffen nicht um eine einzige, atomgenau definierte Substanz, sondern um ein Gemisch mehrerer Molekülvarianten. Diese können sich untereinander beispielsweise in der Struktur ihrer Kohlenhydrat-Anhänge unterscheiden. Zu welchen Anteilen sich welche Molekülvariante im Endprodukt findet, ist von den Produktionszellen und dem exakten Herstellungsprozess abhängig. Ungleiche Molekülgemische haben, als Medikament verabreicht, unterschiedliche Verweilzeiten im Blut und sind eventuell auch unterschiedlich gut wirksam oder verträglich.

Nun ist es schon für den Originalhersteller anspruchsvoll genug, die Produktionsbedingungen so konstant zu halten, dass seine Biopharmazeutika Charge für Charge identisch sind. Für einen anderen Hersteller, der zu diesem Produkt ein Biosimilar herstellen möchte, aber zwangsläufig eine andere Anlage und eine andere gentechnisch veränderte Bakterien- oder Zelllinie verwendet, ist der „Nachbau" eines identischen Biopharmazeutikums gar nicht möglich.

Tabelle: Originalpräparat, Biosimilar, Generikum – was sie unterscheidet

Aus diesem Grunde können Biosimilars – anders als die Generika genannten Nachbildungen von Medikamenten mit chemisch-synthetischem Wirkstoff – nicht ohne eigenständige Prüfung ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit zugelassen werden. Die EU hat seit 2006 für mehrere Biosimilar-Klassen definiert, welchen Anforderungen insbesondere das klinische Studienprogramm genügen muss (in der „Leitlinie zu ähnlichen biologischen Produkten" sowie produktspezifischen Leitlinien oder Anhängen). Dabei müssen die Biosimilars stets mit dem Originalpräparat verglichen werden.

Die Kriterien der Biosimilar-Zulassung sind auch anzuwenden auf niedermolekulare Heparine, bei denen es sich um komplexe biologische Arzneistoffgemische handelt, deren Charakteristika im wesentlichen durch den Produktionsprozess und dessen Kontrolle bestimmt werden. Auch hier hat die europäische Zulassungsbehörde EMA die Leitlinie zur Vergleichbarkeit der Qualität zugrunde gelegt sowie die nicht-klinischen und klinischen Anforderungen an Biosimilars definiert.

Die EU ist mit ihren klaren Vorgaben zur Entwicklung und Zulassung von Biosimilars weltweit führend. In den USA gibt es bislang nichts Vergleichbares. Eine 2010 von der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte Leitlinie folgt im Grundsatz den gleichen Prinzipien wie die EU und soll als Orientierungshilfe für solche Länder dienen, die bisher noch keine Biosimilar-Gesetzgebung haben.

Nicht jeder Nachbau gelingt
Die europäische Zulassungsbehörde EMA handelt ganz im Sinne der Patientensicherheit, wenn sie bei Biosimilars die Wirksamkeit und Verträglichkeit durch Studien belegt sehen will, statt diese - wie bei Generika -ohne Prüfung für gegeben zu halten. Das zeigt sich an Biosimilar-Kandidaten, die von der EMA abgelehnt wurden.
So wurde 2006 einem Interferon alfa 2a-Biosimilar die Zulassung verweigert, da in Vergleichstudien häufigere Nebenwirkungen und mehr Rückfälle nach Behandlungsabschluss als beim Originalpräparat gefunden wurden.
2008 wurden die Zulassungsanträge für drei Insulin-Biosimilars zurückgezogen, da das Unternehmen die Fragen der EMA zur Herstellung und Wirksamkeit nicht fristgerecht beantworten konnte.


Biosimilars im Wettbewerb am Markt
Biosimilars sind Nachahmerpräparate und tragen demzufolge nicht dazu bei, die medizinischen Möglichkeiten zu erweitern. Sie sind ausschließlich dazu gemacht, Anteile in einem bereits etablierten Marktsegment zu gewinnen und - aus Sicht von Ärzten und Krankenkassen – für einen Wettbewerb im Marktsegment zu sorgen, der Druck auf die Preise ausübt. Große Preisunterschiede, wie sie zwischen Generika und den entsprechenden Originalpräpara¬ten (vor deren Patentablauf) gängig sind, sind allerdings bei Biosimilars nicht zu beobachten; dies liegt auch an den substanziellen Kosten für die klinische Entwicklung und für die komplexe Herstellung. Auch ist die medizinische Leistungsfähigkeit der Biosimilars begrenzt, denn sie bilden ja stets ältere Biopharmazeutika nach, zu denen es mitunter schon verbesserte Biopharmazeutika der zweiten Generation gibt. In diesen Fällen müssen Ärzte abwägen, ob der medizinische Vorteil der neueren Präparate die höheren Kosten gegenüber einem Biosimilar aufwiegt.

Bislang gibt es in Deutschland Biosimilars in drei verschiedenen Arzneimittelklassen: Epoetin-Präparate, Filgrastime und Wachstumshormon.

Für einen sicheren Einsatz von Biopharmazeutika
Die Unterschiede zwischen Originalpräparat und Biosimilar sind nicht nur theoretischer Natur, sondern können auch therapeutisch relevant sein: Von nominell in der Wirkstärke gleichen Biopharmazeutika wird mitunter in der Praxis eine unterschiedliche Dosis benötigt, um einen medizinisch relevanten Zielwert zu erreichen; Nebenwirkungen, die bei dem einen Präparat selten sind, treten beim anderen häufiger auf; usw. Gleiches gilt für den Unterschied zwischen verschiedenen Biosimilars.

Deshalb ist es nötig, im Verordnungsalltag die folgenden Maßnahmen im Interesse der Patientensicherheit konsequent einzuhalten:

  • Produktgenaue Dokumentation des verordneten Biopharmazeutikums in den Krankenakten durch den Arzt und ebenso in den Spontanmeldungen über den Verdacht einer unerwünschten Arzneimittelwirkung. Denn nur so lässt sich z.B. im Falle einer Unverträglichkeitsreaktion sofort erkennen, welches Biopharmazeutikum der Patient genau erhalten hat. Arzt und Behörden können darauf aufbauend geeignete Gegenmaßnahmen einleiten.
  • Die genaue Dokumentation wird seit 2009 von der EMA für alle Epoetin-Präparate verlangt. Der vfa tritt dafür ein, dass dies auch für alle anderen Biosimilars und die entsprechenden Originalpräparate gelten soll.
  • Produktgenaue Abgabe des verordneten Biopharmazeutikums in der Apotheke und keine automatische Substitution durch ein Präparat mit nur ähnlichem Wirkstoff (automatische Substitution ist nur bei Zweitmarken möglich, da diese untereinander identisch sind). Diese Vorgabe ist seit Januar 2010 Bestandteil des Rahmenvertrags über die Arzneimittelversorgung zwischen GKV-Spitzenverband und den Mitgliedern des Deutschen Apotheker Verbands (DAV). Daraus leitet sich ab, dass die Krankenkasse auch nicht verlangen kann, dass ein Apotheker automatisch substituiert, wenn sie mit dem Hersteller eines anderen, ähnlichen Präparats einen Rabattvertrag abgeschlossen hat.
  • Keine Mindestquoten für die Verordnung von Biosimilars. Ärzte sind grundsätzlich gehalten, bei der Verordnung primär die medizinischen Aspekte, aber auch die Wirtschaftlichkeit zu beachten. Quotenvorgaben nehmen dem Arzt jedoch einen Teil seiner notwendigen medizinischen Entscheidungsfreiheit zugunsten wirt¬schaftlicher Aspekte. Zudem lassen sie Unterschiede zwischen Originalpräparaten und Biosimilars außer Acht und könnten auch medizinisch unangebrachte Produktwechsel zum potenziellen Nachteil von stabil und sicher eingestellten Patienten bewirken.
„Who is who"
In schon länger etablierten medizinischen Anwendungsgebieten kann eine ganze Reihe von Biopharmazeutika konkurrieren. Hier ein Überblick:

  • Da ist zunächst das erste Originalpräparat, mit dem ein neues Therapieprinzip in die Behandlung einer bestimmten Krankheit eingeführt wurde.
  • Neben diesem kann es noch weitere Originalpräparate der 1. Generation geben, die von anderen Unternehmen unabhängig vom ersten für die gleiche Anwendung mit vollem Studienprogramm entwickelt wurden.
  • Zu jedem Originalpräparat der 1. Generation kann es mehrere Biosimilars von verschiedenen Herstellern geben. Diese sind untereinander und gegenüber dem Originalpräparat ähnlich, aber nicht gleich.
  • Jedes der genannten Präparate – sei es ein Biosimilar oder ein Originalpräparat - kann nicht nur mit einer Erstmarke, sondern auch noch mit ein oder mehreren Zweitmarken in Erscheinung treten: In diesem Fall unterscheiden sich zwar die Produktnamen und Vertriebsfirmen, die Produkte selbst kommen jedoch aus ein und derselben Produktionsstätte und sind somit identisch – und folglich auch untereinander automatisch substituierbar. Solche Zweitmarken werden angemeldet, um weitere Firmen in die Vermarktung einbeziehen zu können.
  • Schließlich kann es auch noch Originalpräparate der 2. Generation geben. Sie dienen zwar dem gleichen Anwendungszweck, sind aber dank gezielter Veränderungen an Wirkstoff oder Formulierung in einigen Kriterien den Präparaten der 1. Generation überlegen. Biosimilars zu dieser Präparategeneration dürfen ebenfalls erst nach Patentablauf vermarktet werden.
Das nachfolgende Diagramm veranschaulicht das am Beispiel der derzeit zugelassenen Epoetin-Präparate.

Unter www.vfa.de/biosimilars listet der vfa stets aktuell alle zugelassenen Biosimilars mit zugehörigen Zweitmarken und Originalpräparaten auf.