Design-Elememt

26. August 2008

Von schlafenden und aufgeweckten Herpes-Viren

 
Wissenschaftler haben unlängst den Mechanismus charakterisiert, der Herpes-Viren in ihrem Ruhe- oder Schlafzustand hält. In diesem sind sie zwar weiterhin im Körper vorhanden, führen aber nicht zu einer akuten Infektion. Die Forscher hoffen nun, dass es in Zukunft möglich sein könnte, alle in einem Menschen „schlafenden“ Herpes-Viren aufzuwecken, abzutöten und damit weitere Infektionen zu verhindern.

© medicalpicture
Wer kennt sie nicht? Herpes-Viren sind hartnäckig und überaus lästig. Wer sich einmal mit ihnen infiziert hat, trägt sie lebenslang in sich. Herpes-Viren sind bei Wirbeltieren und beim Menschen weit verbreitet. Virologen schätzen, dass ca. 85 % der Bevölkerung weltweit mit Herpes simplex infiziert sind. Nicht alle der Infizierten merken, dass sie Träger der Herpes-Viren sind, wohingegen andere Betroffene oft an den durch die Viren hervorgerufenen Symptomen leiden. Dieses sind in der Regel schmerzhafte Bläschen im Bereich der Lippe oder der Nase.

In der akuten Phase können die Herpes-Viren mit antiviralen Mitteln behandelt werden. Nach einem Ausbruch der Infektion ziehen sich die Herpes-Viren jedoch wieder in die Spinalganglien des Nervensystems zurück. Man spricht in dieser Phase von einer latenten oder ruhenden Infektion, in der die Viren weder durch antivirale Arzneimittel noch durch das körpereigene Immunsystem bekämpft werden können. In den Ganglien überdauert ein Pool an Herpes-Viren lebenslang und „erwacht“, wann immer das Immunsystem geschwächt ist, beispielsweise in Stresssituationen, bei zu viel Sonne oder auch zu wenig Schlaf. Die Viren breiten sich dann im Körper aus, um erneut eine akute Infektionsphase zu verursachen.

Es war bereits bekannt, dass am Schlafzustand der Herpes-Viren maßgeblich ein Gen namens LAT (Latenz-Assoziierte-Transkript) beteiligt ist. Die Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass das LAT-Gen zur Herstellung von mikroRNAs (miRNAs) führt. Diese kleinen Ribonukleinsäure (RNA)-Moleküle werden im Ruhezustand von den Herpes-Viren produziert und verhindern damit, dass es zu einer aktiven Infektion kommt. Ist das Immunsystem des Betroffenen aber geschwächt, veranlassen die schlafenden Viren die Produktion von Botenstoffen, die sie für eine aktive Infektion benötigen. Damit reichen die miRNAs nicht mehr aus, um den Ruhezustand aufrecht zu erhalten: Die Viren werden wach, befallen die umliegenden Körperzellen und organisieren dort ihre massenhafte Vermehrung.

© medicalpicture
Basierend auf diesen derzeit in Mäusen gewonnenen Erkenntnissen arbeiten die Forscher nun daran, Herpes-Viren gezielt aus ihrem Schlafzustand zu wecken, um sie für Medikamente erreichbar zu machen. Würde es gelingen, alle in einem Patienten ruhenden Viren zu aktivieren, könnte man diese anschließend sämtlich abtöten und die Betroffenen vor einem erneuten Ausbruch der Herpes-Viren bewahren. Dieser Ansatz wäre nicht nur denkbar für das Herpes-Virus, das Lippenherpes hervorruft, sondern auch für diejenigen Herpestypen, die unter anderem für Windpocken oder Gürtelrose verantwortlich sind.

Bis man Herpes-Viren gezielt aufwecken kann, sind noch weitere grundlegende Experimente erforderlich. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen allerdings erneut die hohe Bedeutung moderner molekularbiologischer Methoden für ein noch umfassenderes Verständnis von Infektionsprozessen.
Icon Seite weiterempfehlenSeite weiterempfehlen Icon Seite druckenSeite drucken Icon Seite bookmarkenSeite bookmarken