Farblich aufbereitete Magnetresonanz-Aufnahme des Schädelquerschnitts einer MS-Patientin (© Bayer HealthCare)
Deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Prinz (Universitätsklinikum Freiburg) und Dr. Ulrich Kalinke (Paul-Ehrlich-Institut Langen) haben im Tiermodell die molekularen Mechanismen von Interferonen – insbesondere von Interferon beta – bei Multipler Sklerose (MS) zeigen können. Damit ist es den Forschern mehr als 50 Jahre nach der Entdeckung der Interferone gelungen, die Wirkweise dieser körpereigenen Botenstoffe bei entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems aufzuklären.
Da fast jede Körperzelle auf ihrer Oberfläche Rezeptoren für Interferone aufweist, haben die Forscher einen gentechnischen Trick verwendet, der es ihnen ermöglichte, ganz bestimmte Rezeptoren auszuschalten. So haben sie beispielsweise die Wirkung von Interferonen überprüft, wenn der Interferonrezeptor entweder nur auf bestimmten Blutzellen oder nur auf Hirnzellen ausgeschaltet worden war. Basierend auf diesen Experimenten konnten sie in Mäusen zeigen, dass die Interferon-Wirkung auf Makrophagen und Mikroglia – den sogenannten Fresszellen von Blut und Gehirn – für die Beeinflussung der Erkrankung entscheidend war, und die protektive Wirkung des Botenstoffes bei MS vermutlich über diese Zellen vermittelt wird. Die Wirkung von Interferonen auf Lymphozyten oder Hirnzellen spielt dagegen offensichtlich eine untergeordnete Rolle.
MS ist eine chronisch-entzündliche und degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Lähmungen und zum Ausfall von Sinnesorganen führt. Dies geschieht meist in Schüben, wobei auf einen Krankheitsschub eine Zeit der teilweisen Regeneration folgt. Langfristig schreitet die Krankheit in der Regel immer weiter fort. 50-80% der Patienten werden innerhalb von 10 Jahren arbeitsunfähig. Pro Jahr erkranken in Deutschland zwischen 3.000 und 5.000 Patienten neu an MS. Derzeit geht man hierzulande von ca. 120.000 MS-Patienten aus, wobei Frauen doppelt so häufig wie Männer erkranken. Im Durchschnitt bricht die Krankheit zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr aus. Bis heute ist MS unheilbar, allerdings gibt es mittlerweile hochwirksame immunmodulierende Biopharmazeutika, die den Krankheitsverlauf verlangsamen, das Fortschreiten der Behinderung bremsen und dadurch die Lebensqualität erhalten können.
Interferon wurde 1957 am National Institute for Medical Research in London entdeckt. Im Jahr 1979 gelang es erstmals, Bakterien gentechnisch das menschliche Interferon-Gen zu übertragen und zur Herstellung von Interferon zu bewegen, sodass dieses hochrein sowie in ausreichenden Mengen gewonnen werden konnte.
Man glaubte zunächst, mit den Interferonen ein körpereigenes Molekül gegen virale Erkrankungen in der Hand zu halten. Interferon alfa-Präparate sind seit 1987 in Deutschland verfügbar; diese werden ebenso wie die weiterentwickelten pegylierten Langzeit-Interferone alfa auch heute noch sehr erfolgreich gegen Infektionen mit Hepatitis B- und C-Viren eingesetzt. Später konnte für Interferon beta eine gute Wirksamkeit bei der Behandlung von MS bewiesen werden. Im Jahr 1996 begann die Markteinführung der rekombinanten Interferon beta-Präparate in Deutschland, die einen Meilenstein in der Therapie dieser Krankheit darstellen.
Die schwerwiegenden Konsequenzen einer MS-Erkrankung stellen sich bei einer Therapie mit den innovativen Biopharmazeutika erst deutlich später ein. Zusätzlich zum Nutzen für den einzelnen Patienten ist der Einsatz dieser Präparate zur Behandlung von MS von gesamtgesellschaftlicher Relevanz, da das Fortschreiten der Erkrankung inklusive der damit einhergehenden hohen Kosten – insbesondere durch Produktivitätsverluste – verzögert wird.
Die nunmehr vorliegenden Erkenntnisse über die molekulare Wirkweise von Interferonen bei der Behandlung von Multipler Sklerose könnten die Basis für neue zellspezifischere und damit vermutlich nebenwirkungsärmere Therapieansätze zur Behandlung dieser Krankheit eröffnen, die zu weiteren therapeutischen Optionen zum Nutzen der MS-Patienten führen könnten.