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10. Dezember 2007

Biotechnologie - Motor für Innovationen

 
Günter Wess: "Grundlagen-forschung ist Schlüssel zu innovativen Medikamenten"
Das Potenzial der Medizinischen Biotechnologie entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie das Zusammenwirken der beteiligten Partner, das für eine maximale Potenzialnutzung erforderlich ist, waren Themenschwerpunkt einer Veranstaltung, die gemeinsam von GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in der Helmholtz-Gemeinschaft und VFA Bio - der Interessengruppe Biotechnologie im Verband Forschender Arzneimittelhersteller am 27. November 2007 in Berlin durchgeführt wurde.

Prof. Dr. Günter Wess, GSF, zeigte einleitend das große wirtschaftliche Potenzial von Biopharmazeutika auf (jährliche Wachstumsraten von 20%; mehrere Hundert Wirkstoffe in der Entwicklung). Die angewandte biomedizinische Grundlagenforschung sei das Schlüsselgebiet für innovative Medikamente der Zukunft: damit könnte das therapeutische Potenzial neuer, biologischer Ansätze erkannt und mögliche Nebenwirkungen therapeutischer Proteine abgeschätzt werden. Den Schwierigkeiten im Transfer von Forschungsprojekten zu Marktprodukten müsse man mit neuen Modellen zur Förderung der anwendungsorientierten Grundlagenforschung begegnen, um die Lücke zwischen der gut etablierten, produktorientierten Anwendungsforschung in der Industrie einerseits und der reinen Grundlagenforschung der Wissenschaft andererseits zu schließen.

Wess betonte, dass in Deutschland eine ausgeprägte wissenschaftliche Exzellenz vorhanden sei, die man durch verbesserte Netzwerke allerdings noch besser und stärker nutzen könnte. Auch wünsche er sich spezifische "Rezeptoren" in Pharmaunternehmen für die Übernahme biopharmazeutischer Ideen direkt aus der öffentlichen Forschung. Wess wies darauf hin, dass das biopharmazeutische Potenzial in Deutschland sehr groß sei und viele Therapieoptionen für die Zukunft berge, machte allerdings auch die Komplexität der heutigen Zielstrukturen deutlich. Aufgrund der Pleiotropie - ein Gen kann mehrere voneinander unabhängige Merkmale beeinflussen - ist auch eine biopharmazeutische Entwicklung sehr komplex und langwierig. Die Wertschöpfungsketten der klassischen, chemisch-synthetischen Arzneimittel und der Biopharmazeutika werden mit Bezug auf Entwicklungszeiten und Erfolgsquoten immer ähnlicher.

Da die Gesundheitsforschung im Vergleich zu den USA in Deutschland unterfinanziert sei und damit langfristig die Investitionen für die kommenden Biotech-Entwicklungen nicht an Deutschland vorbeigehen, seien für die angewandte Grundlagenforschung in Deutschland dringend mehr Mittel erforderlich. Außerdem müsse ein Personalaustausch zwischen Industrie und akademischer/ öffentlicher Forschung ermöglicht werden. Neue Berufsbilder sowie eine Mentalitätsänderung seien sowohl in öffentlicher Forschung als auch Industrie erforderlich. Wess plädierte für eine längerfristige und intensivere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie, um in Zukunft das vorhandene Potenzial der medizinischen Biotechnologie bestmöglich zu nutzen.

Prof. Dr. Wolfgang Wurst, GSF, wies in seinem Vortrag "Etablierung von Mausmodellen für erblich bedingte neurologische und psychiatrische Krankheiten" darauf hin, dass für die Charakterisierung der Bedeutung genetischer Veränderungen aufgrund der hohen Komplexität weltweite Konsortien immer wichtiger werden ("Im Verbund zum Ziel"). Diese Konsortien erfordern ein professionelles Projekt- und Wissensmanagement.

Wurst zeigte, dass infolge eines Tiermodells erstmals auch in menschlichen Probanden eine Assoziation zwischen dem CrhR1 (corticotropin releasing hormone receptor 1) und dem Alkoholkonsum nachgewiesen werden konnte, wobei bestimmte SNPs (Mutationen aufgrund des Austausches einer einzelnen Base) eine Rolle spielen.

Im Bereich der Stammzelltherapie für neurologische Erkrankungen konstatierte Wurst, dass aufgrund der restriktiven deutschen Stammzellgesetzgebung die Forschungsmöglichkeiten begrenzt seien und man deshalb versuche, endogen vorkommende Stammzellen zu aktivieren.

Wurst schloss mit der Perspektive, dass alle humanen Erbgutveränderungen im Tiermodell simuliert werden können, Tiermodelle eine wichtige Rolle bei der Medikamentenentwicklung einnehmen (Validierung) und die Grundlagenforschung sowie die Analysen der komplexen, regulatorischen Gen-/Proteinnetzwerke die Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente bilden.

Dr. Igor Tetko, GSF, präsentierte Möglichkeiten zur Beschleunigung der Arzneimittelentwicklung durch bessere Vorhersagen der ADME/T-Eigenschaften (A = Absorption, D = Distribution, M = Metabolismus, E = Exkretion, T = Toxizität). Er verwies auf die ungeheure Anzahl von 1060-10100 theoretisch möglicher Moleküle, von denen aber derzeit lediglich 1020 bis 1024 synthetisiert werden können und lediglich 2 x 107 vermarktet werden. Für viele dieser Moleküle liegen keine ADME/T-Daten vor.

Um schneller zu ADME/T-Daten zu kommen, seien neue Methoden zur Abschätzung erforderlich. Damit könnten möglichst früh in der Wertschöpfungskette Entscheidungen über die weitere Arzneimittelentwicklung getroffen werden. Tetko stellte solche Methoden und deren erfolgreiche Anwendung vor und plädierte für eine engere Zusammenarbeit zwischen Industrie und Akademia, um die verfügbaren Daten und Erkenntnisse best- und schnellstmöglich zu nutzen.

Dr. Frank Mathias, Amgen GmbH und Vorsitzender von VFA Bio, betonte, dass akademische und industrielle Forschung sich wechselseitig wesentliche Impulse geben. Entscheidend sei die Ausrichtung auf das gleiche Ziel, nämlich Medikamente, die durch innovative Wirkprinzipien für Patienten und Gesellschaft Nutzen stiften und darüber hinaus auch von Vorteil für den Standort Deutschland sind. So sei bereits heute der Nutzen von Biopharmazeutika für Patienten mit schweren, chronischen Krankheiten wie Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis und Brustkrebs, aber auch für Patienten mit seltenen Krankheiten offenkundig. Von zunehmender Bedeutung sei der präventive Bereich durch neue Impfungen wie diejenige gegen Gebärmutterhalskrebs, die nicht nur medizinisch, sondern - nach vorläufigen Schätzungen - auch ökonomisch sinnvoll sei.

Mathias wies neben dem individuellen Nutzen für Patienten durch die biopharmazeutischen Therapeutika auch auf deren gesamtgesellschaftlichen Nutzen hin und zeigte dies am Beispiel Multiple Sklerose, eine der häufigsten Ursachen für bleibende Behinderung und Erwerbsunfähigkeit bei jungen Erwachsenen. Hier hilft die moderne biopharmazeutische Immunmodulator-Therapie nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern senkt auch die volkswirtschaftlichen Kosten durch Hinauszögern schwererer Behinderungsstadien. Deshalb sei es umso erstaunlicher, dass immer noch 33 Prozent der hierfür geeigneten Patienten diese Biopharmazeutika nicht erhalten. Bei der Bewertung von Biopharmazeutika sei eine gesamtgesellschaftliche Perspektive erforderlich, bei der nicht nur die Arzneimittelausgaben, sondern auch andere Ausgabenposten berücksichtigt werden.

Als Trends und Perspektiven im Bereich der medizinischen Biotechnologie nannte Mathias die personalisierte Medizin sowie die Regenerative Medizin, die mit dazu beitragen können, Antworten auf die demographischen Veränderungen zu liefern. Für eine erfolgreiche Biotech-Zukunft in Deutschland müssten etliche Eckpunkte gesichert sein, u. a. erfolgreicher Wissenstransfer, Planungssicherheit, Innovationsschutz, gesamtgesellschaftliche Bewertungsperspektive sowie vor allem eine eng verzahnte Forschungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. Damit ließe sich in der Zukunft das Potenzial der medizinischen Biotechnologie hinsichtlich neuer therapeutischer Optionen für die Patienten, aber auch zum Wohle des Standorts Deutschland weiter ausbauen und nutzen.

Prof. Dr. Georg-Burkhard Kresse, Roche Diagnostics GmbH und VFA Bio-Vorstandsmitglied, zeigte, dass seit einigen Jahren Biopharmazeutika das Leben von Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen verlängern können. Mitunter erreichen Biopharmazeutika heute tatsächlich schon 80 Prozent und mehr der Patienten, für die sie von Nutzen sein können, etwa im Falle des Antikörpers Trastuzumab gegen bestimmte Formen von Brustkrebs. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass mittels eines diagnostischen Tests diejenigen Patientinnen vor Therapiebeginn identifiziert werden können, die tatsächlich auch von dem Antikörper profitieren könnten. Am Beispiel der Trastuzumab-/ Bevacizumab-Kombination zeigte Kresse, dass auch Neukombinationen bereits vorhandener Biopharmazeutika zu einer verstärkten Anti-Tumor-Wirkung führen können und damit innovativ seien.

Mit "Glycoengineering" lasse sich eine Erhöhung der Aktivität monoklonaler Antikörper erzielen, z. B. durch Verminderung des Fucose-Gehaltes eines Antikörpers, was zu einer verstärkten Bindung an die Rezeptoren und damit möglicherweise zu einer erhöhten Wirksamkeit führe.

Abschließend machte Kresse auf die Zukunftsperspektive durch RNAi-Therapeutika aufmerksam, die über eine spezifische Zerstörung der mRNA die Bildung bestimmter Proteine blockieren. Dies sei ein Bereich, der auch für den Standort Deutschland von großer und zunehmender Bedeutung ist.

Dr. Carola Dony, Scil Technology GmbH und VFA Bio-Mitglied, referierte über zukünftige Therapien aus dem Bereich der regenerativen Medizin, denen aufgrund der demographischen Veränderungen eine zukunftsweisende Rolle zukommt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deshalb auch das 21. Jahrhundert als Jahrhundert der Regenerativen Medizin bezeichnet.

Dony skizzierte die der Natur nachempfundene pharmazeutische "Toolbox", bestehend aus gentechnisch hergestellten Wachstumsfaktoren und Biomaterialien als deren Träger, um zerstörte Gewebe zur Regeneration anzuregen. Sie präsentierte einen Ansatz für die dentale Implantologie und Paradontologie, basierend auf einem rekombinanten humanen Wachstums- und Differenzierungsfaktor. Hiermit könnte künftig die Transplantation von autologem Knochenmaterial ersetzt werden, die sehr aufwendig und z. T. mit Komplikationen verbunden ist. Auch bei Osteoarthrose sind in Zukunft therapeutische Optionen über regenerative Therapien denkbar. Gerade für kleinere Unternehmen sei es aber ein zusätzliches Entwicklungsrisiko, dass Produkte aus Biomaterialien und rekombinanten Proteinen von der US-amerikanischen Zulassungsagentur FDA als "Devices" (Medizinprodukte) eingestuft werden, während die europäische Zulassungsagentur EMEA diese als Biopharmazeutika klassifiziert.

Dr. Simon Moroney, MorphoSys AG, zeigte die Chancen für die Biotech-Firmen auf, die sich aus der abnehmenden F&E-Produktivität der Pharmafirmen ergeben: Als Folge davon sind nach einer Analyse von Burrill & Company in den vergangenen zehn Jahren sowohl die Anzahl als auch das Volumen der Partnerschaften zwischen Pharmaindustrie und Biotech-Unternehmen kontinuierlich gestiegen. So hat MorphoSys mit elf der zwanzig weltweit führenden Pharmafirmen langjährige Partnerschaften für seine HuCAL-Technologie (Human Combinatorial Antibody Library) zur Gewinnung menschlicher Antikörper.

Inzwischen lizenzieren die Pharmafirmen immer mehr Produkte ein: In den letzten 18 Monaten sind 55% der neuen Produkte der Pharma- und großen Biotech-Firmen von außerhalb gekommen. Auch würden die "early stage deals" immer teurer. Ganz generell sei die Pharmaindustrie wesentlich offener für Co-Entwicklungs- oder Co-Vermarktungsmodelle mit Biotech-Unternehmen geworden.

In der abschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass die Biotechnologie trotz der Rückschläge der jüngeren Vergangenheit in Deutschland große Chancen habe. Es gebe gerade auch im Hinblick auf die weiter zunehmende Lebenserwartung einen großen Bedarf für biopharmazeutische Innovationen. Die "Elfenbeinturm-Mentalität" der Akademia sei heute nicht mehr das Problem. Es komme jetzt vielmehr darauf an, alles und alle richtig zusammen zu bringen und gemeinsam mit einem ausreichend langen Atem und einer aufeinander abgestimmten Forschungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik das Potenzial der Biotechnologie in und für Deutschland und vor allem auch zum Wohle der Patienten zu nutzen. Dazu leisten Veranstaltungen wie die von GSF und VFA Bio ihren Beitrag, indem bestehende Netzwerke vertieft und neue Kontakte geknüpft werden konnten.

Die Folien zur Veranstaltung können auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden.
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